Geburtsort:

Geburtshaus

Für mich begann die Geburt auf eine Art schon am Samstag, auch wenn unser Kind erst am Dienstag auf die Welt gekommen ist. Beim ins Bett bringen meines älteren Kindes A. spürte ich das erste Mal ein Ziehen, das deutlich intensiver war als die Vorwellen der letzten Tage und Wochen. Es war ein schönes ins Bett bringen, er ist eingekuschelt eingeschlafen und ich konnte dabei entspannen. Irgendwie dachte ich in dem Moment: heute bringe ich dich das letzte Mal als unser einziges Kind ins Bett. Nun bist du bald ein großer Bruder. Nach dieser ersten Welle im Bett und nachdem A. eingeschlafen war, bin ich aufs Sofa umgezogen und habe mich dort hingelegt. „Also irgendwas passiert da nun gerade in meinem Bauch. Das ist anders als zuvor“, sagte ich zu meinem Freund D. Dennoch wollte ich erst mal einfach ruhig da liegen und in mich hinein fühlen. Ich war mir noch nicht 100 % sicher, ob es nun wirklich losgehen würde. Vielleicht war es auch mein Wunsch, der gesprochen hatte bei der Aussage, dass es „ja vielleicht ein Sonntagskind“ werden würde. Bei unserem ersten Kind wurde die Geburt eingeleitet, also konnte ich nicht wirklich vergleichen, ob das nun Geburtswellen waren oder nicht. Mein Freund war super! Wir haben noch ein bisschen ruhig miteinander gesprochen, dann hat er eine Kerze angezündet. Er hat mich gefragt, ob ich meine Meditation hören wolle und hat dann die Geburtshaustasche ins Auto gebracht. Hat hier zu Hause die Sachen für den nächsten Morgen für A. herausgelegt und sich einfach um alles gekümmert.  

Ich hatte sehr unregelmäßige, recht angenehme Wellen und habe jedes Mal tief in den Bauch geatmet. Ich lag auf dem Sofa und konnte mich gut in die Wellen hinein entspannen. Als unser Sohn dann wach wurde, ist mein Freund zu ihm gegangen. Normalerweise war das immer meine Aufgabe und A. fand das in dem Moment nicht so toll. Er hat angefangen sich zu beschweren, zu weinen und zu schreien und es hat eine ganze Weile gedauert, bis D. ihn beruhigen konnte. Ich war in dem Moment hin und her gerissen ich wusste, dass mein Freund A. gut in seiner Wut begleiten würde und doch fiel es mir nicht leicht, entspannt zu bleiben. Ich wollte mich ja auf die Geburt konzentrieren, in meinem inneren Raum bleiben und die Außenwelt abschotten. Es kamen dann vielleicht noch 1-2 Wellen und dann wurde es ruhig in meinem Bauch. Als hätte das Baby beschlossen: ne, so geht das noch nicht. Nach einer Weile habe ich dann die Kerze ausgemacht und mich zu meinen „beiden Jungs“ ins Bett gekuschelt. Ich war schon etwas enttäuscht, mein Freund auch. Gleichzeitig war es so ein schöner Start, ich habe mich so sicher umsorgt gefühlt von D. und konnte mich so gut entspannen, dass ich irgendwie auch dankbar war für diese „Generalprobe“ vorab. 

Es folgten zwei schöne Tage mit Freunden, einem langen Waldspaziergang und Warten. Am Dienstagnachmittag beschloss ich, Geburtstagsmuffins für unser Kind zu backen, um es herauszulocken. „Es ist an der Zeit“, dachte ich. Wie richtig meine Intuition war, finde ich heute erstaunlich.  

Am Abend dann passierte es: ich spürte eine warme Flüssigkeit aus mir herauslaufen. „Oh oh oh…, ich glaube meine Fruchtblase ist gerade geplatzt!“. Ich war ganz aufgeregt. Das war gegen 21:30 Uhr. Nach einem kurzen Moment der Euphorie war ich aber auch verunsichert: Was, wenn nun keine Wehen einsetzen würden? Kann mein Körper das alles wirklich? Die erste Geburtserfahrung war nun mal, wie sie war und dann auch noch der „Fehlstart“ vor ein paar Tagen. Ich rief M., unsere Hebamme an. Sie fragte kurz, ob sich das Baby normal bewegen würde, was es tat, und meinte dann nur, dass sie davon ausginge, dass ich heute Nacht Wehen bekäme. „Na dann, bis später!“, verabschiedete sie sich. Ihre Zuversicht machte mir Mut. 

Ich war immer noch aufgeregt, entspannte mich aber langsam. Ich wünschte mir von meinem Freund (der dieses Mal eher widerwillig alle Sachen vorbereitete, denn so richtig glaubte er wohl nicht daran, dass die Geburt nun losgehen würde), dass wir noch gemeinsam die „Metta-Meditation“ machen. Danach hörte ich mir die Hypnose „Geburtsbeginn mental fördern“ an, während D. duschte. Da kam dann auch schon eine leichte, erste Welle und langsam stieg in mir die Gewissheit auf, dass es nun tatsächlich so weit war: die Geburt hatte begonnen. D. schlug vor, dass ich auf dem Sofa schlafen könne, aber irgendwie hatte ich das Bedürfnis, mich wie immer zwischen A. und D. zu kuscheln. Doch zwischen den beiden hielt ich es nicht lange aus. Es kamen nun Wellen, von denen ich wusste, dass sie zur Geburt führen würden. Ich atmete ihnen tief in den Bauch entgegen und versuchte, meinen sich öffnenden Muttermund zu visualisieren. Aber irgendwie war ich von dem Gedanken abgelenkt, dass A. meine Unruhe und Veränderung spüren und auch D. neben mir nicht richtig tief würde schlafen können und zog dann doch aufs Sofa um. 

Dort hörte ich mir dann die „Hypnose während der Geburt“ an. Die wunderschönen Sätze zu hören, zu atmen und zu visualisieren, tat mir gut und ich konnte mich bei Kerzenlicht gut entspannen. Ich versuchte auch, noch einmal ein bisschen zu schlafen, aber das klappte leider nicht. Die Wellen kamen zu oft, ich war zu aufgeregt und voller Vorfreude. Gegen 0.00 Uhr und noch einmal gegen 1.00 Uhr versuchte ich, den Abstand der Wellen mit einer Wehen App zu messen. Beide Male brachte es mich etwas aus der Entspannung raus, beide Male waren die Wehenabstände bei etwa drei Minuten, wenn ich das richtig verstanden hatte.  

Ich beschloss also, D. zu wecken. „Ich glaube, ich möchte jetzt mal ins Geburtshaus fahren.. … Grummeln bei D… „Kommst du mit?!“. Schmunzeln im Halbschlaf.  

Mein Freund zog sich an, teilte mir mit, dass er das Auto vorfahren und seinem Vater, der unten im Bulli schlief, Bescheid sagen würde. Ich wartete auf dem Sofa, bis alles bereit war. Dann fuhren wir mit dem Auto ins Geburtshaus. Ein paar Wellen kamen, ich war froh, dass wir aufgebrochen waren, die Straßen waren leer, ich fühlte mich wohl neben D. und war doch sehr froh, als die kurze Autofahrt vorbei und wir gegen 2.00 Uhr im Geburtshaus waren. Dort empfing uns warmes Licht und eine lächelnde Hebamme: „Na, konntest du auch nicht schlafen?!“. Ich fiel ihr regelrecht in ihre weichen Arme. „Du bist ja ganz entspannt“, sagte sie etwas verwundert. „Ich hab dir doch erzählt, dass ich meditiere“, antwortete ich etwas entrüstet. Der Geburtsraum war schon vorbereitet mit Salzkristalllampen, Kerzen und warmem Licht. M. untersuchte zunächst meinen Muttermund. „Naja“, urteilte sie „zweieinhalb Zentimeter und noch ziemlich hart. Das kann also noch dauern. Sieht noch nicht so nach Geburt aus.“ Dann schrieb sie ein CTG. Das lenkte mich irgendwie total ab. Ich sah die Herztöne und die Ausschläge bei den Wellen, die in der Intensität nicht mit dem übereinstimmten, was ich empfand. „Nun lass doch mal das blöde Teil los. Loslassen“, sagte D. Ich gab mir Mühe, aber so richtig entspannen konnte ich mich erst wieder, als das CTG ab war. 

Dann kuschelten D. und ich uns ins Bett, M. verschwand. Ich bekam auf Wunsch noch eine Wärmflasche an den Rücken. (…) Erst mal ging alles so weiter wie bisher. Ich atmete bei jeder Welle tief in den Bauch. Ich versuchte zu visualisieren. Ich war ganz ruhig und still dabei. Es war ein starkes körperliches Gefühl, aber ich freute mich über jede Welle. 

Irgendwann wurde alles intensiver. Ich bat meinen Freund, den ich weckte, mir die Hypnose anzustellen. Das machte er. So vergingen etwa zwei Stunden. Gegen 4.00 Uhr waren die Wellen plötzlich so intensiv, dass ich ihnen auch mit Mühe nicht mehr entgegen atmen konnte. Die Hypnose war mir plötzlich viel zu viel und mir wurde wahnsinnig heiß. „Ich muss in die Badewanne“, sagte ich zu D. Ich spürte, dass ich ganz dringend irgendwas zum Entspannen brauchte. Da war das Beste, was mir einfiel, Wasser. Mein Freund ging zu M., ich aufs Klo. Dort überrannte mich wieder eine Welle, und das war dann wirklich ein sehr intensives, starkes und auch schmerzhaftes Gefühl. „Wie soll ich das nun noch bis zur Geburt aushalten“, dachte ich. Nach dem, was M. bei unserer Begrüßung gesagt hatte, konnte ich mir nur vorstellen, dass mein Muttermund nach zwei Stunden vielleicht bei 5 cm geöffnet wäre. Meine einzige Hoffnung war die Badewanne. D. ließ Wasser in die Wanne ein, ich kniete mich aufs Bett und ließ das Becken kreisen. Keine Besserung. Ich legte mich hin. Dann brach es bei der nächsten Welle aus mir heraus: ein kraftvoller, lauter, sicher auch von Schmerzen durchzogener Urschrei. 

Da stand M. in der Tür. Nun vermischt sich die Reihenfolge in meiner Erinnerung. Ich glaube, zuerst fragte sie mich sicher zwei Mal, ob ich vorher etwas zur Beruhigung genommen hätte. „Was soll ich denn genommen haben?“, raunzte ich. Sie konnte sich offensichtlich nicht erklären, wieso ich vor wenigen Stunden und Minuten noch so ruhig und entspannt gewirkt hatte. Dann schaute sie, ob mit den Herztönen alles ok war. Dann fragte sie mich, ob ich echt in die Badewanne wolle, obwohl mir so heiß war. „Elena, was ist denn los?“, fragte sie. „Ich weiß nicht, es ist auf einmal so wahnsinnig intensiv. Es drückt schon so nach unten.“ „Ok, aber ich möchte dich kurz untersuchen, bevor du in die Wanne gehst. Hinlegen. Hose aus.“ „Ich kann nicht“. Sie zog mir die Hose runter, eine Welle nach der anderen schoss durch meinen Körper. „Du bist ganz offen!“. 

„Soll das Kind in der Wanne geboren werden?“ „Ich weiß nicht. Ja!!!“ „Na dann ab in die Wanne“. „Ich kann nicht. Oh, ich glaube, es will raus, ich glaube, es kommt schon! Es drückt so nach unten.“ „Ja. Du kannst nun entweder in die Wanne oder du kniest dich hier vors Bett“. Ich weiß noch, dass ich das Gefühl hatte, keinen einzigen Schritt mehr gehen zu können. „Wanne. Ach nein, ich kann nicht, also hier vorm Bett“. M. handelte schnell. Sie zog eine Matte hervor, breitete eine Unterlage aus und ich kniete mich vors Bett. D. saß neben meinem Kopf auf dem Bett, M. stand hinter mir. Sobald ich kniete, hatte ich einen unglaublichen Pressdrang. „Nicht pressen, lass es schieben.“ M. sagte mir, ich sollte hecheln. Das klappte ganz gut. Ich spürte ganz klar schon das Köpfchen. Ich glaube, es flutschte nur so zwei oder drei Mal zurück. „Der Kopf ist schon gleich da!“. Wahnsinnig intensive Gefühle überrollten mich. Die Wellen überrollten mich. Ich hechelte, ich kam kurz zur Ruhe, ich hechelte, ich presste. Da wirkte einfach eine Urgewalt in mir, und ich hatte keine Möglichkeit, mich da noch irgendwie zu entspannen. Mein Körper arbeitete, es drückte, es tat weh, es brannte. Und da war der Kopf schon draußen. Einen Moment Pause. Wieder eine Welle. Ich glaube, mit der oder der nächsten wurde dann auch schon der Körper geboren. Ich fing unsern Sohn auf und legte ihn mir zwischen die Beine. Er schrie kurz auf, wand sich, war dann wieder still. Schaute verwundert. Ich war etwas überrumpelt, überwältigt, fassungslos. „Da bist du ja schon, du kleines Menschlein, da bist du ja schon“. Bevor ich ihn hochnahm, zog ich mir das letzte Kleidungsstück, mein T-Shirt aus. „Das muss weg!“ Ich nahm R., dieses kleine, glitschige, noch etwas alienhaft aussehende Baby hoch auf meinen Arm. M. half mir, mich hinzulegen. Ich brauchte einen Moment, um zu begreifen. Unser Baby war schon da! Es war 4:27 Uhr, noch vor einer halben Stunde hatte ich gedacht, es würde sicher noch einige Stunden dauern. Und nun lag er schon auf mir. Ich hatte es geschafft. So schnell. Zu schnell, um zu begreifen, was da eigentlich gerade geschehen war. Ich schaute R. an. Wahnsinn, da war er!

Es hat sicher 10 Minuten gedauert, bis ich begriff und anfangen konnte zu genießen. Mein Baby!! Nun kamen die Glücksgefühle. Die Geburt war so lange so entspannt, kuschelig und geborgen gewesen und hatte dann so ein intensives, kraftvolles, ungestümes und schnelles Ende. Es war alles gewesen. Existenziell. Wunderschön. 

Irgendwann war die Nabelschnur auspulsiert (D. und ich hatten vorher beide gefühlt und gestaunt, wie sie pulsierte – total abgefahren!). M. versorgte die Nabelschnur mit einer Klemme und D. durchtrennte sie. Dann wurde die Plazenta mit M.s Unterstützung geboren. Meiner Meinung nach hätte ich auch noch etwas warten können, bis eine echte Nachwehe gekommen wäre, aber M. wird schon einen Grund gehabt haben, warum sie mich animierte zu pressen. Sie untersuchte mich und stellte fest, dass mein Damm nur ein ganz kleines bisschen gerissen sei. Sie könne mit einem Stich nähen oder ich solle ihr versprechen, dass ich die nächsten Tage wirklich liegen würde, dann würde alles von alleine heilen. Ich entschied mich für letzteres, was sich nun, ein paar Tage nach der Geburt auch als richtig herausgestellt hat. Ich fühle mich herrlich unversehrt!! Es ist wirklich der Wahnsinn, dass das so geklappt hat, denn ich habe während der Schwangerschaft vielleicht zwei bis drei Mal meinen Damm massiert. Ich hatte irgendwie einfach gar keine Lust darauf. Und tatsächlich scheint meine mentale Vorbereitung dazu geführt zu haben, dass der Damm sich so gedehnt hat, dass alles gut gegangen ist. Dazu kommt natürlich, dass er durch die Geburt von A. (mit der Saugglocke) sowieso schon vorgedehnt war. 

Irgendwann dockte R. dann an meiner Brust an. Ich habe ihn ganz viel alleine suchen lassen, und dann war er ganz in der Nähe der Brustwarze. M. drückte meine Brust etwas in seine Richtung und schon nuckelte er. Anders als A., der gefühlt schon mit einem Schnäbelchen- Mündchen meine Brustwarze suchend auf die Welt gekommen war, ließ sich R., der dann auch ganz langsam und gemächlich zu nuckeln begann, etwas mehr Zeit. Ich glaube, A. war von der Geburt, bei der sie ihn ja an der Saugglocke rausgezogen hatten, auch so verschreckt, dass er gleich ganz viel Sicherheit brauchte. R. hingegen schien sich sofort recht sicher zu fühlen.  

Nach etwa zwei Stunden, in denen D., der nackte R. und ich zusammen im Bett gelegen haben – R. hat genuckelt, D. geschlafen und ich gestaunt – wurde es mir langsam etwas unbequem. Ich weckte D. und schickte ihn zu M., um ihr Bescheid zu sagen, dass wir demnächst nach Hause aufbrechen wollten. Sie kam zu uns, maß und wog R. und untersuchte ihn. Alles sah gut aus! Mein Freund zog R. an. M. erledigte den Papierkram, half mir beim ersten Gang zur Toilette und in die Dusche. 

Als alles erledigt und ich wieder ein paar Klamotten anhatte, saßen wir noch einen Moment zusammen, aßen gemeinsam die Geburtstagsmuffins (die ich am Abend zuvor noch geistesgegenwärtig eingepackt hatte) und sprachen über die Geburt. M. war total begeistert! Besonders, dass die Eröffnungsphase so schnell und ruhig verlaufen war, sei außergewöhnlich. M. ist eine wirklich ganz erfahrene Hebamme und sie meinte, so eine Geburt hätte sie wirklich sehr selten erlebt. Wir waren also alle drei (ich glaube alle vier, denn auch R. sah zufrieden aus) ganz glücklich, aber erschöpft. 

Ich bin wahnsinnig dankbar für diese Geburtserfahrung und bin mir sicher, dass ich auch das Wochenbett deshalb – und eben, weil auch alle Umstände drum herum so gut sind – so genießen kann. 

Gestern Abend, als D. und ich uns erzählten, wofür wir dankbar sind, kam ich zu gar keinem Ende. Am Schluss habe ich gesagt: „Ich bin eben einfach super glücklich gerade“. „Ich auch“, antwortete D. Damit ist eigentlich alles gesagt. 

Elena