Geburtsort:

Hausgeburt

Eine ungeplante Alleingeburt

ET +8:

Mein Baby lag seit der 37. SSW schon tief im Becken und meine Hebamme und ich hatten fest damit gerechnet, dass es vor ET geboren wird. Seit Wochen hatte ich schon regelmäßige Wehen, zweiminütig und über mehrere Stunden. Leider wurden sie nie stärker und ich wurde langsam ungeduldig. Meine Schwester, die mir in der ersten Zeit mit Baby helfen wollte, wohnte schon seit zwei Wochen bei uns und ihr Urlaub neigte sich dem Ende entgegen. In Absprache mit meiner Hebamme trank ich jeden zweiten Tag eine Kanne Wehen-Tee. Heute war ich wieder bei ihr zur Kontrolle. Auf dem Weg zu ihr bemerkte ich abermals leichte Wehen. Meine Hebamme hat mich akupunktiert und ans CTG angeschlossen. Auf dem CTG waren tatsächlich das erste Mal in zwei Schwangerschaften Wehen zu sehen. Ich war so glücklich. Die Wehen wurden während der halben Stunde am CTG immer stärker und kamen in zwei-Minuten-Abständen. Nach dem Termin verabschiedete meine Hebamme mich mit: „Bis später!“. Zu Hause angekommen hielten sich die Wehen noch ungefähr zwei Stunden. Dann hörten sie wieder auf. Ich war so frustriert.

ET +9:

Ich sprach mit meiner Hebamme, wie frustriert und enttäuscht ich war, weil die Wehen sich einfach nicht hielten. Sie riet mir, heute die Füße still zu halten und mich zu entspannen. Wir verabredeten uns für den nächsten Tag. Sie wollte „Zaubermittelchen“ mitbringen, denn langsam lief uns die Zeit davon. Mein Baby musste bis ET+14 geboren werden. Ich wollte auf keinen Fall ins Krankenhaus.

ET +10:

Morgens hatte ich einen Arzttermin. Ich musste dorthin, denn sonst hätte ich nicht mehr außerklinisch entbinden dürfen. Ich war furchtbar aufgeregt. Mein Arzt ist kein großer Freund von Hausgeburten und ich hatte wirklich Angst, dass er sich nicht darauf einlässt, mit der Einleitung bis ET+14 zu warten. Vor allem, weil mein Baby vor vier Wochen schon auf knapp 4000g geschätzt wurde. Wie zu erwarten war, wollte er mich ins Krankhaus schicken. Ich habe mich jedoch gewehrt und klar gesagt, dass ich nur ins Krankenhaus gehen würde, wenn es wirklich zwingende medizinische Gründe dafür gäbe. Die gab es nicht. Mein Arzt wollte trotzdem einmal nach meinem Muttermund schauen. Seine Worte waren: „Es ist zwar alles weich, aber der Muttermund ist noch fest geschlossen. Ich glaube nicht, dass ihr Baby in den nächsten vier Tagen kommt. Melden Sie sich doch schon mal für Montag (ET+14) im Krankenhaus an.“

Ich kam völlig enttäuscht nach Hause. Ich wollte den Befund eigentlich gar nicht wissen und war sauer, dass mein Arzt ihn mir trotzdem gesagt hatte. Mittags schrieb mir meine Hebamme eine SMS, sie wäre noch bei einer Geburt, ich solle mir schon mal Globuli aus der Apotheke holen, sie würde dann nachmittags nach der Geburt vorbei kommen. Gegen frühen Nachmittag fuhr ich noch zu meiner anderen Schwester. Meine Eltern waren zu Besuch bei ihr. Eigentlich wollten sie zu uns kommen, um das Baby zu begrüßen. So sahen sie mich aber nochmal mit dickem Bauch. Während wir gemeinsam auf der Terrasse saßen, bekam ich wieder leichte Wehen, schenkte denen aber keine große Beachtung, denn ich war fest davon überzeugt, dass sie nach ein paar Stunden wieder aufhören würden. Wir witzelten noch, dass es in der Ferne gewitterte und die meisten Babys ja bei Gewitter geboren werden und es bestimmt gleich los ginge. Nachmittags rief dann meine Hebamme an. Sie hatte eine 18-Stunden-Geburt hinter sich und noch nicht geschlafen. Sie würde es heute nicht mehr schaffen. Ich erklärte ihr, dass ich wieder leichte Wehen hatte und sie sagte: „Nur weil ich nicht geschlafen habe, musst du ja jetzt nicht noch länger warten.“ Und sie erklärte mir, wie ich die Globuli einnehmen sollte.

Gegen 18 Uhr fuhren wir wieder nach Hause. Die Wehen zogen deutlich mehr. Dennoch glaubte ich zu diesem Zeitpunkt immer noch nicht an Geburt. Zu Hause angekommen brachte ich meine große Tochter ins Bett und schickte auch meinen Mann und meine Schwester recht schnell schlafen. Für den Fall, dass es nachts doch noch losgehen würde. Ich legte mich ins Bett und hörte eine Hypnose. Ich kann mich nicht erinnern, ob ich zu diesem Zeitpunkt schon die Hypnose Unter der Geburt hörte oder noch die Geburtsvorbereitende. Langsam dämmerte mir, dass die Wehen wohl nicht mehr weg gehen würden. Trotzdem wagte ich noch nicht, mich zu freuen oder meinem Mann und meiner Schwester davon zu erzählen. Irgendwann stand ich auf und machte mir eine Wärmflasche. Anschließend legte ich mich wieder ins Bett. Ich genoss jede Wehe. Ich freute mich richtig drauf. Ab und zu ließ ich den Wehenzähler mitlaufen. Die meiste Zeit lag ich jedoch nur da, konzentrierte mich auf die Hypnose und meine Atmung und genoss es, dass ich eine solche Einheit mit meinem Körper bildete.

Die Wehen wurden deutlich stärker, ich hatte aber keine Schmerzen. Ganz im Gegenteil, ich genoss die Dehnung am Muttermund richtig, weil ich wusste, dass sie mir endlich mein Baby bringen würde. Die langsame Einatmung tat so unglaublich gut. Das einzige Unangenehme war, dass ich während einer Wehe kurz ausatmen musste, um weiter einatmen zu können. Aber selbst das waren keine Schmerzen.

Irgendwann gegen 23 Uhr musste ich zur Toilette. Auf der Toilette sitzend merkte ich, dass es mir dort sehr gut gefiel und ich musste an den Satz meiner Hebamme denken: „Wenn die Frauen nicht mehr von der Toilette runter wollen, dann ist es soweit. Wie oft musste ich schon Frauen von der Toilette runter ziehen, um das Baby entgegen nehmen zu können.“ Aber ich dachte nur: „Das kann nicht sein, ich bin vielleicht bei 4cm. Da muss doch noch was kommen.“ Denn ich erinnerte mich an die überwältigenden Schmerzen meiner ersten Geburt. Ich war sicher, dass ich noch ganz am Anfang stehe. Ich legte mich wieder ins Bett, wurde jedoch unruhig. Ich war mir unsicher, ob ich nicht jetzt doch mal meine Hebamme verständigen sollte. Ich wollte sie so lange wie möglich schlafen lassen und daher nicht zu früh anrufen. Ich ging zu meinem Mann ins Wohnzimmer, der dort schlafen wollte, für den Fall, dass sich die Wehen wieder verziehen und er am nächsten Morgen zur Arbeit müsste. Ich habe ihn gebeten, mit mir den Geburtspool zu füllen. Erst hat er sich gesträubt, denn auch er glaubte nicht daran, dass es schon so weit war. Ich war ja die ganze Zeit alleine, brauchte keine Hilfe und machte keinen Mucks. Mir ging es einfach richtig gut, auch wenn die Wehen meine volle Konzentration gefordert haben. Mein Mann und ich befüllten zusammen den Geburtspool. Während der Wehen stellte ich mich in den Türrahmen, drückte meinen unteren Rücken dagegen und atmete. Durch meine Bluetooth-Kopfhörer hörte ich die gesamte Zeit über die Hypnose.

Nachdem das Wasser lief, legte sich mein Mann wieder aufs Sofa und ich mich ins Bett. Da blieb ich aber nicht lange. Gegen 23.30 Uhr ging ich wieder ins Wohnzimmer, um mit meinem Mann zu besprechen, ob wir langsam die Hebamme anrufen sollten. Während wir uns beratschlagten, kam eine Wehe und ich musste, mich am Sessel fest haltend, in die Hocke gehen. Das war nicht bewusst, sondern mein Körper hat sich einfach hin gehockt, ohne dass ich es beeinflussen konnte oder wollte. Ich hatte das Gefühl, drücken zu müssen.

Ein bisschen perplex bat ich meinen Mann, unsere Hebamme anzurufen. Sie meinte, sie wäre in 30-40min bei uns. Das war so gegen 23.50 Uhr. Die nächste Wehe war sehr viel intensiver und ich wollte richtig mitdrücken. Ich konnte es gar nicht richtig glauben, aber das waren eindeutig Presswehen. In der Wehenpause zog ich mich blitzschnell aus und sprang in den Pool. So schnell hatte ich mich in der gesamten Spätschwangerschaft nicht bewegt. Durch das warme Wasser konnte ich mich wieder etwas entspannen und hatte eine längere Wehenpause. Meine Schwester ging runter, sperrte die Haustür für meine Hebamme auf und erledigte die letzten Dinge, die vor der Geburt noch gemacht werden mussten. Mein Mann war völlig überfordert und betete, dass unser Baby sich noch Zeit ließe, bis unsere Hebamme da war. Er rief sie noch einmal an. Sie musste sich noch die Kontaktlinsen rein machen und würde dann los fahren.

Dann kam die nächste Wehe. Dadurch, dass ich die Verantwortung nun komplett alleine tragen musste (denn ich war diejenige, die sich am besten mit dem Geburtsprozess auskannte und wusste, was zu tun war), war ich nun leider völlig im Verstand und nicht mehr in der Lage, mich zu entspannen. Der Unterschied zu vorher war enorm.

Die nächste Wehe kam und während der Wehe platzte die Fruchtblase und ich spürte, wie der Kopf ins Becken eintrat. Ich habe mich fürchterlich erschrocken, denn an die Fruchtblase hatte ich gar nicht mehr gedacht. Nun wurde die Wehe wahnsinnig intensiv und ich bekam kurzzeitig Panik. Ich rief: „Die Hebamme kommt nicht mehr rechtzeitig. Wir bringen dieses Kind jetzt alleine auf die Welt!“ Mein Mann wurde kreidebleich und ist fast umgefallen. Er wollte den Krankenwagen rufen, was ich jedoch sofort abschmetterte. Ich fühlte nach dem Kopf meines Babys und konnte ihn ertasten. Vor Glück fing ich an zu weinen.

Dann kam die nächste Wehe. Im Nachhinein weiß ich nicht mehr, ob ich wirklich starke Schmerzen hatte, oder ob ich geschrien habe, weil ich so sehr mitdrücken musste und es so anstrengend war. Unter den nächsten zwei Wehen arbeitete jeder Muskel in meinem Körper mit. Ich konnte mich gar nicht dagegen wehren. Es war wahnsinnig anstrengend. In den Pausen schloss ich die Augen und entspannte wieder.

In der nächsten Wehe spürte ich plötzlich, dass sich der Damm zur Seite schob und der Kopf geboren wurde. Ich dachte nur: „Wahnsinn, das schwierigste ist geschafft. Ich hab’s geschafft. Ich hab’s geschafft.“ Ich lachte und weinte gleichzeitig. Vor Freude und vor Erschöpfung. Mit der nächsten Wehe tat sich jedoch nichts. Ich bekam ein bisschen Angst und bat meinen Mann nochmal, unsere Hebamme anzurufen, was wir tun sollen, wenn sich mit der nächsten Wehe auch nichts bewegen würde. Meine Schwester bat ich mir zu sagen, in welche Richtung der Kopf zeigt. Nach unten (ich war im Vierfüßler), also alles gut. Aber das Baby musste sich noch drehen, damit die Schultern durch passten. Wie ein Mantra sagte ich mir die Worte meiner Hebamme vor: „Wenn die Babys so schnell kommen, dass ich es nicht rechtzeitig schaffe, dann ist immer alles gut. Bei den mehr als 1200 Geburten, die ich betreut habe, ist noch nie etwas passiert, wenn es das Baby so eilig hatte.“ Vor der nächsten Wehe schloss ich meine Augen und versuchte wieder, eins zu werden mit meinem Körper und den Verstand auszuschalten. Wie fremdgesteuert richtete ich mich mit der nächsten Wehe auf und, während ich im Wasser hockte, wurde mein Baby geboren. Es schwamm hinter mich und ich bat meine Schwester, es mir durch die Beine nach vorne zu geben. Ich setzte mich mit dem Baby auf der Brust auf den Sitz im Pool und streichelte ihm den Rücken, bis es hustete und anschließend anfing zu atmen. Es hat nicht geschrien.

Ich schaute mein Baby an und war so stolz: „Das haben wir zusammen geschafft. Wir beiden ganz alleine.“ Meine Schwester brachte mir ein Handtuch, mit dem ich mein Baby bedeckte. Dann guckte ich nach, ob alle zehn Finger und Zehen da waren. Erst danach fiel mir ein nachzugucken, welches Geschlecht unser Baby hat: Es ist ein Mädchen. Unsere S. ist an ET+11 endlich geboren. Auf die Uhr geguckt haben wir erst ein paar Minuten später. Im Nachhinein haben wir gemeinsam mit unserer Hebamme geschätzt, dass es ca. 0.22 Uhr gewesen sein muss. Also nur eine halbe Stunde, nachdem ich begriffen hatte, dass ich Presswehen habe.

Wir blieben im Pool sitzen, bis etwa zehn Minuten nach der Geburt meine Hebamme eintraf. Die Plazenta war zu diesem Zeitpunkt auch schon geboren und lag zwischen meinen Beinen. Ich schnitt die Nabelschnur, wie schon bei meiner großen Tochter, selbst durch, da mein Mann noch völlig fertig war. Anschließend stieg ich aus dem Pool und legte mich direkt ins Bett. Dort blieb ich bis zum nächsten Morgen, zusammengekuschelt mit meinen beiden Kindern. Die große Tochter hat die Geburt im Zimmer nebenan verschlafen und mein Mann hat sie erst ca. eine Stunde später aufwecken können. Sie war zwar traurig, dass sie die Geburt nicht miterlebt hat, aber unheimlich stolz, dass sie ihre Schwester direkt kennen lernen und in den Arm nehmen durfte.

Obwohl S. ganze 4230g gewogen hat, bin ich nicht gerissen und war zwar erschöpft von der immensen Kraftanstrengung, aber ansonsten ging es mir wirklich richtig gut. Meine Hebamme hat nach der Geburt gemeinsam mit meiner Schwester den Pool geleert und abgebaut, sodass direkt wieder Ordnung herrschte und wir als Familie Zeit zum Kuscheln hatten.

Im Nachhinein war diese Geburt das größte und schönste Erlebnis, das ich je hatte. Obwohl ich zwischendrin Angst hatte, überwiegt der Stolz, es ganz alleine geschafft zu haben. Die Verbundenheit mit meinem Körper habe ich so zuvor noch nie gespürt. Für meinen Mann ist nach zwei Kindern Schluss. Nach dieser Erfahrung wäre ich aber gerne direkt wieder schwanger geworden. Allein, um nochmal eine solche Geburt zu erleben. Dann allerdings gemeinsam mit meiner Hebamme.

Ich bin unendlich dankbar, dass ich eine solche Geburtserfahrung machen durfte.