Geburtsort:

Klinik

Ich habe lange gebraucht, um endlich Zeit zu finden, diesen Bericht in Ruhe und mit all meinen Gedanken zur Geburt von R. in Worte zu fassen. Wie ich feststellen darf, ist dies ein Prozess über mehrere Tage, sogar Wochen – wie es die Zeit eben zulässt. Denn manches habe ich beim ersten Runterschreiben vergessen. Und es gibt so viele Details, die es wert sind, erwähnt zu werden, dass es sehr ausführlich geworden ist. Zudem ist R.s Geburt der größte, schönste und wertvollste Moment in meinem Leben. Die passenden Worte hierfür zu finden, ist eine Herausforderung. Einige Tränen der Freude und Liebe, vielleicht auch ein paar der Wehmut sind geflossen, dass dieser Moment schon wieder so lang her und vergänglich ist. Ich wünsche mir, dass ich ihn für immer abrufen kann und werde ihn ganz tief in meinem Herzen sicher und behütet aufbewahren.

Schon zu Beginn der Schwangerschaft war ich der Geburt gegenüber positiv gestimmt. Schon lange zuvor hatte ich von Methoden gehört, sich mental positiv darauf vorzubereiten. Ich habe mich für die Methode “Hypnobirthing” entschieden und uns für ein Seminar angemeldet. Allerdings ohne mich genauer damit auseinander zu setzen. Ich wusste nur, es ist eine Methode, mit der ich mich mental positiv auf die Geburt vorbereiten kann. Doch dann kam nochmal alles anders. Ich bin Anfang Februar auf die Methode “Die friedliche Geburt” von Kristin Graf gestoßen. Zu Beginn habe ich ein paar Folgen des Podcasts gehört und mich sehr in Ihre Stimme und Art verliebt. Schnell stand fest, ich möchte lieber den Kurs machen, den sie anbietet. Also habe ich S. überzeugt, den “Hypnobirthing-Livekurs” abzusagen und “Die Friedliche Geburt- Onlinekurs” zu buchen. Letztlich stellte sich dies in so vieler Hinsicht als die richtige Entscheidung heraus.

Die letzten beiden Monate der Schwangerschaft habe ich mit S. in Quarantäne Zuhause verbracht. Der Virus Covid 19/Corona hielt uns sehr in Atem. Ich war unsicher und etwas angespannt, es war eine Situation, in der wir und die gesamte Gesellschaft sich noch nie befanden. Es gab Kliniken, die keine Geburtsbegleiter mehr zugelassen haben und in denen Frauen allein entbunden haben, ausschließlich im Beisein des Klinikpersonals. Doch nicht nur aus Angst davor habe ich einige Tränen vergossen. Am schlimmsten empfand ich die Einsamkeit in der Schwangerschaft. Ich habe meinen schwangeren Körper so geliebt und mit Stolz der ganzen Welt zeigen wollen. Nur leider konnte ich dies nicht. Ich war allein mit R. und konnte all meine Sorgen und Gedanken nur mit S. von Angesicht zu Angesicht teilen. Niemand, der mich anlächelte, weil er sich über den großen Bauch freut und niemand, der meinen Bauch streichelte und R. spürte. Aufgrund des strengen Kontaktverbotes konnten wir nicht einmal Zeit mit unseren Familien teilen. Zu diesem Zeitpunkt haben wir all die bestehenden Regularien sehr ernst genommen. Denn schließlich wollten wir nicht riskieren, dass der werdende Papa die Geburt nicht mit uns teilen kann oder ich zum Ende der Schwangerschaft erkranke. Meine Babyparty und alle Ausflüge, die noch geplant waren, sind ausgefallen und ich habe die letzten Wochen der Schwangerschaft ausschließlich allein zuhause verbracht. Ich war sehr glücklich, dass S. seit Mitte März im Homeoffice arbeiten konnte und wir somit nochmal sehr viel Paar-Zeit hatten. Ein gemütlicheres und innigeres Osterfest als 2020 haben wir noch nie gefeiert. Ich habe in den letzten Wochen der Schwangerschaft viel gekocht, gelesen, geputzt und in Tagträumen verbracht. Rückblickend war dies eine wirklich aufregende, einsame und dennoch entschleunigende Zeit. Besonders viel Zeit habe ich mir für die mentale Geburtsvorbereitung genommen. Kristin hat während dieser ersten Wochen in Quarantäne sogar passende Podcast-Folgen und Selbsthypnosen veröffentlicht. Dies hat mir sehr geholfen, bei mir zu bleiben und mich in Sicherheit zu fühlen. S. hat sich den kompletten Kurs mit angeschaut und regelmäßig mit mir die Anker geübt zu setzen. Ich hatte zu dieser Zeit auch das Gefühl: Am Ende brauchen wir nur uns. Wir waren uns so nah und haben uns auf das Wunder gefreut, was sich bald auf den Weg zu uns machen sollte.

In der Nacht vom 05.05. zum 06.05. bekam ich abends gegen 23:00 Uhr im Bett ein leichtes Ziehen im Bauch, wobei ich mir dabei noch nicht viel dachte. Ich war mir unsicher, ob es jetzt wirklich bald losgehen würde oder ob es Übungswellen sind. Dennoch habe ich an dieser Stelle die Atemtechnik aus dem Kurs direkt eingesetzt, es hat sich einfach richtig angefühlt. Gegen 1:00 Uhr habe ich S. gebeten, im Kinderzimmer auf der Couch zu schlafen, denn ich habe einfach nicht in den Schlaf gefunden. Das Ziehen kam regelmäßig ca. alle halbe Stunde und S. hat sehr laut geschnarcht. Damit kam ich in diesem Moment nicht zurecht. Ich wollte absolute Ruhe. Doch trotz Umzug von S. habe ich in dieser Nacht wenig Schlaf gefunden. Die leichten Wellen blieben regelmäßig. Ein Gefühl, als würde bald meine Periode einsetzen. Außerdem bemerkte ich beim Toilettengang, dass sich etwas Schleim gelöst hatte. Ich vermutete, dass dies der Schleimpfropf gewesen war. Das war es auch, doch eben nicht der gesamte, wie sich noch zeigen sollte. Am Morgen sagte ich S., dass ich noch eine Weile im Bett bleiben würde. Zu diesem Zeitpunkt versuchte ich es auch schon einmal mit der Geburtshypnose von Kristin. Ich war mir immer noch nicht ganz sicher, ob es das nun wirklich ist bzw. ob sich unsere Tochter auch wirklich zeitnah auf den Weg macht. Ich bin aber dennoch ganz bei mir geblieben. Und wenn es noch 3 Tage dauern würde, dachte ich mir, ich mache jetzt nichts mehr, außer mich in meinem inneren Raum aufzuhalten.

Am Vormittag bereitete mir S. das Wohnzimmer sehr gemütlich vor. Er ließ die Rollos runter, richtete die Couch gemütlich her und machte mir ein paar Kerzen an. Er verzog sich wieder ins Arbeitszimmer, um seiner Arbeit nachzugehen. Doch langsam wurde es immer klarer – unsere Tochter ist auf dem Weg zu uns. Die Aufregung stieg etwas, es war alles so surreal. Der Prozess, auf den ich mich so lange vorbereitet hatte, wurde von meinem Körper in Gang gesetzt. Ich bat S., die Zeiten der Wellen zu messen. Es war noch sehr viel Abstand und unregelmäßig bei 12-14 Minuten. Zu Mittag haben wir etwas gemeinsam gegessen und ich habe dabei die Augen geschlossen und geatmet, wenn eine Welle kam. Was wir gegessen haben, weiß ich nicht mehr. Nach dem Essen machte ich es mir wieder auf der Couch bequem und versuchte, noch so viel Ruhe wie möglich zu finden. In diesem Moment benachrichtigte ich als einzige meine Freundin C., dass etwas im Busch ist. Ich hatte dieses tiefe Bedürfnis, es ihr mitzuteilen. S. und ich waren uns einig, niemanden zu informieren, wenn es soweit ist, da wir diesen Moment für uns genießen wollten. Einzig unsere Freundin und Nachbarin Y. hatten wir vereinbart zu informieren, denn unser Hund Pepe wollte auch versorgt sein. Am Nachmittag gegen 16 Uhr sind S. und ich nochmals gemeinsam mit Pepe eine kleinere Runde Spazieren gewesen. Beim Laufen spürte ich die Wellen viel deutlicher und ich musste und wollte stehen bleiben, um in Ruhe in meinen Bauch atmen zu können. Ich hielt mich bei S. fest und öffnete meine Augen nur wenig, um sehen zu können, wo ich entlangging. Ich kann mich noch erinnern, wie ich den Blick nach oben richtete. Ich sah den Himmel und die Baumwipfel und war mir sicher, dass alles gut ist. Als wir wieder Zuhause waren, legte ich mich ins Bett und die Geburtshypnose war ab diesem Zeitpunkt dauerhaft auf meinen Ohren per Lautsprecher/Box. Im Schlafzimmer war es ganz dunkel und ich blieb für mich allein. Obwohl ich bei dem Spaziergang die Wellen als höher empfunden hatte, änderte sich an den Zeiten nicht viel. Alle 9- 10 Minuten konnten wir messen.

Um 18:45 Uhr ca. bat ich S., mir eine Wanne einzulassen, nur mit warmem Wasser. Er hat dazu noch Kerzen angezündet und blieb während des Bades an meiner Seite und ließ ab und an Wasser über meinen Bauch laufen. Die Wellen haben sich im Wasser sehr angenehm und irgendwie gedämpfter angefühlt. Nun wurden sie auch etwas höher und regelmäßiger. Circa 6-8 Minuten war der Abstand. Ich war noch etwas verkopft und dachte: wir sollen erst in die Klinik kommen, wenn der Abstand bei 3-4 Minuten liegt. So hat es der Chefarzt Dr. L. vermittelt und daran habe ich mich auch orientiert.

Die Stimmung in unserem Haus und zwischen S. und mir wurde immer magischer. Unser Baby würde bald auf die Welt kommen. Ich war so neugierig, wie sie wohl aussehen wird? Wie es sich anfühlt, sie zu berühren, zu riechen?
Nach dem Bad ging ich wieder ins Bett und Sebastian bereitete sich auf die Übergabe mit seinem Kollegen vor. Denn es stand fest, dass Sebastian ab dem Zeitpunkt der Geburt für 2 Wochen Urlaub nehmen würde.

Endlich nahmen die Wellen etwas an Fahrt auf. Doch ich lag noch immer bis circa 22 Uhr entspannt im Bett und habe visualisiert und geatmet. S. kam jede halbe Stunde, um nach mir zu schauen und die Wellen zu messen. Er erkannte an meinem Atem, wo ich mich gerade befand. Gegen 22 – 23 Uhr wurden die Wellen wirklich hoch und das intensive Körpergefühl von Druck und Ziehen schlug in Schmerz um. Jedoch ein Schmerz, den ich mit Tönen noch gut halten konnte. Um diese Zeit begann mein Körper sich komplett zu entleeren. Ich musste mich zweimal übergeben und bekam Durchfall. Ich fühlte mich langsam erschöpft, denn inzwischen waren 24 Stunden vergangen und ich hatte kaum geschlafen. Auch hatte sich der Schleimpfropf komplett gelöst und jetzt wusste ich, wie groß er tatsächlich ist. Meine gesamte Hand war gefüllt, das hat mich sehr überrascht. Zwischenzeitlich saß ich auf einem Stuhl im Kinderzimmer. Ich wollte gern hier ein paar Wellen spüren und atmen. Allzu lang hielt ich das jedoch nicht aus, denn im Liegen war es deutlich angenehmer.

Ich legte mich nochmal ins Bett und wollte etwas für mich sein. Ich wartete auf den kurzen Zeitabstand der Wellen, der jedoch so nicht kam. 5-6 Minen sagte uns die App. Um 1:00 Uhr wurde der Schmerz so intensiv, dass ich kaum noch wusste, wie ich liegen sollte. Meine Hände und mein Gesicht verkrampften, obwohl ich die gesamte Zeit über bei mir geblieben war. Die Wellen waren länger, als die Pausen dazwischen und ich wusste: Jetzt war es wirklich an der Zeit, in die Klinik zu starten. Wir benötigten nur 5 Minuten in die Klinik und ich wollte so lange wie möglich zuhause bleiben, doch nun war die Zeit gekommen, um aufzubrechen. S. informierte das Krankenhaus, packte die Klinik- und die Kreißsaaltasche zusammen und alles ins Auto. Er zog mir die Schuhe und meinen Mantel an und geleitete mich auf den Beifahrersitz. Durch die Bewegung und das Stehen hielt ich es kaum noch aus. Ich musste fast schon schreien und sehr laut tönen, um mit meinem Körper klar zu kommen. Für die Fahrt hatte S. die Hypnose per Kopfhörer vorbereitet. Ich hörte Kristins Stimme. Auch wenn ich in diesem Moment Schmerzen empfand, wusste ich, dass mich jede Welle meinem Baby näherbringt und alles okay ist. Wir gelangten etwa um 2:00 Uhr am Krankenhaus an und über einen Hintereingang ging es zum Kreißsaal. S. klingelte und als die Hebamme die Tür öffnete, kam eine Welle. Ich konnte nicht mehr an mir halten. Ich lehnte mich über das Geländer und schrie mehrfach, bis die Welle verging. Zu diesem Zeitpunkt dachte ich: “Wenn der Muttermund jetzt noch nicht schon gut geöffnet ist, halte ich es nicht aus. Ich brauche etwas gegen die Schmerzen.” Es fiel mir zunehmend schwerer, nur bei mir zu bleiben. Das war alles andere, was ich wollte. Ich wünschte mir eine ganz natürliche Geburt ohne Interventionen.

S. begrüßte Hebamme L. und bat, dass er die Kommunikation für mich übernimmt. Die Hebamme verstand, doch wollte auch von mir wissen, wie es mir geht. Zu vielen Worten war ich weder bereit noch in der Lage. Wir kamen vorerst in den CTG-Raum und die Hebamme schloss das CTG an, um den Herzschlag des Babys und die Wellenabstände zu messen. In der Regel liegt man an dieser Stelle ca. 30-45 Minuten, ich nur ca. 15, also 3-4 Wellen. Sebastian hat in dieser Zeit der Hebamme meinen Mutterpass und meinen Geburtsplan übergeben. Im Nachgang kann ich behaupten, die Hebamme muss diesen gut gelesen haben, denn sie hat alle meine Wünsche gekannt und berücksichtigt. Sie nahm das CTG-Gerät ab und bat mich, mit ihr in ein anderes Untersuchungszimmer zu kommen, um mich vaginal zu untersuchen. Ich bemerkte beim Ausziehen Blutungen und hatte einen Schrecken bekommen. Sie beruhigte mich und fragte mich, ob ich die Weite des Muttermundes wirklich nicht wissen möchte. (Um mich von der Weite nicht irritieren zu lassen, wollte ich es nicht wissen) Ich sagte: “Nur wenn es positiv ist”. Ihre Antwort: “9,5 Zentimeter.” Erstaunen und Erleichterung machten sich breit. Ich fragte sie, ob das häufig passiert, ich war wirklich überrascht. Sie meinte: Nein, das kommt eher selten vor, dass eine Frau schon so weit ist, wenn sie im Krankenhaus ankommt. Sie holte S. und fragte mich, ob ich noch immer in die Wanne wollte. Und das wollte ich unbedingt. Auf dem Weg zum Kreißsaal mit der Gebärwanne kam eine so hohe Welle, dass ich mich auf den Hebammentresen stützen und schreien musste, also mitten auf dem Flur des Kreißsaals. Mir war in meinem Leben noch nie etwas so egal, wie in diesem Moment. Es fühlte sich an, als müsste ich schon mit pressen und unsere Kleine ist jeden Augenblick da. Ich war schon in der Übergangsphase oder vielleicht war diese auch schon so gut wie vorbei. Ich kann mit Worten kaum beschrieben, wie es sich anfühlt, dass sich ein Baby durch das Becken schiebt. Meine Beine waren zittrig und im KS legte ich mich auf eine Liege. Ich war auf die Wassergeburt vorbereitet und hatte Handtuch, Badeschuhe und Bikini eingepackt. S. wollte mir den Bikini heraus suchen, aber als die Hebamme sagte, es sei jetzt alles bereit, wollte ich nichts mehr tun. Die Vorstellung, mich umzuziehen, war furchtbar. Ich wollte einfach nackt in die Wanne und ich wusste, es kann jetzt nicht mehr lange dauern. Sie kommt. S. musste die ganze Zeit einen Mund-Nasen-Schutz tragen und auch die Hebamme konnte ich nur bis zu den Augen sehen. Das war in dem Moment komisch, doch ich war froh, dass S. an meiner Seite sein konnte.

Der Kreißsaal war gemütlich beleuchtet. Die Wanne war blau abgesetzt und an den Wänden befanden sich Bilder.
Ich stieg in die Wanne und genau in diesem Moment kam eine Welle. Ich empfand es als sehr intensiv und im Nachgang auch als schmerzhaft. Doch in dem Moment sagte ich mir das innerlich nicht. Ich wollte meinem Gehirn auf keinen Fall vermitteln, dass wir in Gefahr sind, weil ich Schmerzen habe. Die Wellen waren wirklich der Hammer und ich sagte in einer Wellenpause, dass ich mir das alles ruhiger und friedlicher vorgestellt habe und nicht so laut. Die Hebamme beruhigte mich, dass alles in Ordnung sei. Das es okay ist. S. lehnte ein Dauer-CTG im Wasser ab und die Hebamme kontrollierte während der Austreibungsphase die Herztöne unseres Babys in regelmäßigen Abständen mit einem kleinen mobilen Gerät. Ich war mir sicher: es wird alles gut gehen, alles ist in Ordnung.

Ich wollte nicht auf dem Rücken liegen und hockte mich so, dass ich meine Arme auf dem Wannenrand ablegen konnte. Ich wusste, dass eine hockende Gebärposition natürlicher ist und wollte dies nutzen. S. konnte sich auf einem Hocker davor platzieren und war mit mir auf Augenhöhe. Er sprach mir gut zu und in den Wellenpausen schaute ich in seine Augen. Er leitete mich während der Pausen gemeinsam mit der Hebamme zum richtigen Atmen durch die Nase an. Nach ein paar Wellen tastete die Hebamme erneut und konnte den Kopf schon spüren. Hebamme L. leitete mich an, meine Töne bei mir zu behalten und in den Wellen nach unten zu drücken – zu pressen. Gesagt getan. Ich konnte spüren, wie sich das Baby langsam durch mein Becken hindurchbewegt und wie ich mitarbeiten konnte. Es war einfach nur magisch und der Schmerz ließ allmählich nach. Dafür war es ein Kraftakt, wie ich ihn in meinem ganzen Leben noch nicht hatte bewältigen müssen. Nach einigen Presswellen war der Kopf auch für mich zu ertasten. Was für ein unglaubliches Gefühl: Ich greife zwischen meine Beine und kann einen Kopf spüren. Doch wie schon beschrieben, ging alles sehr langsam von statten. Langsam verließen mich die Kräfte und die Hebamme schlug vor, mich aufzustellen, um die Schwerkraft mehr zu nutzen. Ich vertraute ihr voll und ganz und nahm jeden Vorschlag an. Über der Wanne war eine Art kleine Trittleiter befestigt, an die man sich hängen konnte. Doch meinen Körper aus dem Wasser zu heben und die Welle im Stehen zu bewältigen, war so kräftezehrend und schmerzhaft, dass ich keine weitere schaffte. Das fühlte sich vollkommen verkehrt an. Es waren wieder 2-3 Presswellen vergangen und der Kopf war noch immer relativ weit drin bzw. bewegte sich einfach nicht heraus. So langsam bekam ich das Gefühl, etwas ist komisch. Ich sagte zu S., dass ich Angst habe, sie nicht aus eigener Kraft heraus zu bekommen. Im Nachgang hat er mir beschrieben, dass ich in den Wellenpausen meine Augen oft geschlossen und gelächelt habe. Er war sich sicher, es ist alles okay. Und das habe ich dann gespürt. Ich legte mich doch nach hinten in die Rückenlage. In dieser Position konnte ich meine Füße in die Wanne einstemmen und meine Hände um Griffe legen, an denen ich zeitgleich ziehen konnte. Und das schien der Durchbruch, die benötigte Kraft aufzubringen.

Im Laufe der Zeit platze auch die Fruchtblase während einer Presswelle und ich spürte, wie das Fruchtwasser förmlich herausschoss. Die Hebamme legte Ihren Finger an meinen Damm und zeigte mir, wohin ich pressen sollte. Das hat mir nochmal sehr geholfen. Es hat noch einige Presswehen gebraucht. Der Kopf glitt ein Stück heraus und wieder zurück, wieder heraus und wieder zurück. Es war ermüdend und erschöpfend, ich war fast schon verzweifelt. S. und die Hebamme feuerten mich in den Pressphasen an, was das Zeug hielt. S. sagte: “Maus sie hat Haare, ich kann sie sehen.” (Ich habe heimlich gehofft, dass sie ein paar Haare auf dem Kopf hat:)) und die Hebamme sagte: “Los Mama, du schaffst das, es ist nicht mehr weit.” Daran kann ich mich selbst allerdings nicht mehr erinnern. Ich sammelte alle meine Kraft, die ich noch hatte, zusammen und dann war die eine Presswehe da und ich habe es geschafft, der Kopf war draußen. Das war so ein erleichterndes Gefühl. Ich weiß noch, das ich auf die nächste Welle wartete und wusste, gleich sehe ich sie. Es war ein komisches Gefühl zu wissen, dass aus meiner Vagina ein Kopf schaut, man kann es nicht beschreiben. Dann kam sie und R.s Körper glitt heraus. Es hat sich angefühlt wie ein unförmiger Fisch. Und ich wusste: jetzt ist sie draußen. ICH HABE ES GESCHAFFT!!! In dem Moment war ich etwas orientierungslos und zu keiner Bewegung in der Lage. Die Hebamme schaute mich an und forderte mich auf, mich nach vorn zu beugen und mein Baby aus dem Wasser zu nehmen.

Als ich während der Schwangerschaft meine Traumgeburt visualisierte, habe ich mir immer genau das vorgestellt: Meine Tochter in meine Hände zu gebären und sie aus dem Wasser zu nehmen. Und jetzt war der Moment gekommen.
Ich beugte mich vor und sah dieses kleine Wesen an der Nabelschnur im Wasser treiben. Sie schaute mit ihren großen dunklen Augen durch das Wasser zu uns herauf, als wüsste sie genau, wer wir sind und dass sie zu uns gehört. Dieser Blick, ich werde ihn nie vergessen. Ich streckte meine Hände aus. Ich kann mit keinen Worten beschreiben, wie sich diese erste Berührung angefühlt hat. Die weiche und zarte Haut durch das Wasser zu berühren und in diese offenen Augen zu blicken war der wertvollste Moment in meinem Leben. Ich hob sie heraus und legte sie auf meine Brust. Sie schaute uns weiterhin direkt an und war dabei ganz still. Es war, als würde sie alles wissen, als würde sie alles verstehen. Ich blickte S. an und sagte, er solle mich bitte küssen. In diesem Moment nahm er den Mundschutz ab, küsste mich und setzte ihn auch nicht wieder auf. Inzwischen waren eine weitere Hebamme und eine Ärztin im KS. Allerdings bekam ich das nur am Rande mit. Ich wollte nur mein Baby anschauen. Ich konnte nicht weinen und auch nicht viel sagen. Es war ein Wunder, was ich in diesem Moment nicht begreifen konnte. Ich blieb weiterhin im Wasser liegen, um die Nachgeburt zu gebären. Doch eine weitere Welle blieb aus. Das Wasser wurde etwas abgelassen und ich merkte, dass alle Anwesenden zu tun hatten. Was genau, kann ich nicht mehr sagen. Inzwischen war die Nabelschnur auspulsiert und als klar war, dass die Nachgeburt in dem Moment nicht kommt, schlugen die Hebammen vor, ich solle aus dem Wasser gehen. Die Nabelschnur wurde abgeklemmt mit einer kleinen Plastikklemme und einer Metallklemme, die einer Schere ähnelte. S. wies energisch darauf hin, dass er die Nabelschnur durchtrennen will. Das war ein witziger Moment, denn die Hebamme erklärte ihm, dass es keine Schere, sondern eine Klemme sei. S. durchtrennte die Nabelschnur und somit die körperliche Verbindung zwischen R. und mir. Die Hebamme erklärte mir, dass R. eine sogenannte “Sternenguckerin” war, das heißt, dass sie mit dem Gesicht Richtung Himmel schaute und nicht Richtung Erde, wie es die Regel ist. Aus diesem Grund hat die Pressphase auch so lang gedauert, über eine Stunde.

Um 4:07 Uhr erblicke R. die Welt. In einer Vollmondnacht, als Sternenguckerin zu Ihrem errechneten Geburtstermin!

R. wurde ich ein warmes weißes Tuch in S.s Arme gelegt und das Bett wurde an die Wanne geschoben. Ich wollte aufstehen, doch das ging kaum. Meine Beine waren wie Gummi. Ich wurde gestützt und legte mich auf mein Handtuch und wurde mit einem weiteren zugedeckt. Das Bett wurde wieder zurück an seine Stelle geschoben und ich konnte sehen, wie S. noch immer in der Ecke des Raumes hinter der Wanne saß mit einem kleinen Paket im Arm. Ich habe ihn noch nie stolzer gesehen und gleichzeitig sah er verloren aus. Und dann lag R. auch schon wieder auf meiner nackten Brust. Es wurde klar, dass keine weitere Wehe kommen würde und so drückte ich die Nachgeburt so heraus, was glücklicherweise auch einfach klappte. Die Plazenta wurde in einer Schüssel aufgefangen und untersucht. Meine Gebärmutter blutete in diesem Moment stark nach und wurde durch Drücken auf meinen Bauch sozusagen “ausgewrungen”. (…) Die Ärztin meinte, das sollten wir beobachten, doch die Blutung ließ schnell nach. Wir wurden gefragt, ob wir die Plazenta sehen möchten, was wir natürlich wollten. Es war unglaublich zu sehen, wie groß dieses Organ war, ca. 40 cm im Durchmesser und durchzogen mit Adern. Ich konnte sehen, wie die Nabelschnur angewachsen war. Es war einfach nur erstaunlich. Die Plazenta wurde in eine Tüte gepackt und uns übergeben, denn wir wollten sie unbedingt behalten. Anschließend begann die Ärztin, mich zu untersuchen. Sie war sehr einfühlsam und erklärte mir jeden Handgriff. Ich wollte nicht, dass ich an dieser Körperstelle weiterhin berührt werde. Doch ich wusste, dass beim Austreten des Kopfes vermutlich etwas gerissen ist, da es stark geziept hatte. Dies bestätigte die Ärztin: Dammriss. Ich wurde gereinigt, örtlich mit einer Spritze betäubt und genäht. All das spürte ich kaum. S. stand daneben und hielt ein Bein und eine Hebamme das andere Bein. Ich hatte einfach keine Kraft mehr. Die Ärztin fragte S., ob er nicht vielleicht doch mir zuliebe etwas weiter nach hinten gehen möchte. Das war ein lustiger Moment und alle lachten. Mir war es egal, es gab schließlich nichts, was er bis dahin nicht gesehen hatte. Und Augen hatte ich sowieso nur für unsere Tochter. Nachdem der Eingriff abgeschlossen war und ich meine Beine endlich ablegen konnte, war dies einfach nur eine Wohltat.

R. war mit mehreren Tüchern bedeckt und die Hebamme half mir, sie an der Brust anzulegen. Als R. das erste Mal begann, an der Brust zu saugen, war ich sehr erstaunt: so viel Kraft für so einen kleinen Mund. Und dann lagen wir da für eine ganze Weile und wurden zu Dritt allein gelassen. R. an meiner Brust und S. auf einem Stuhl an meiner rechten Seite. Und so bestaunten wir das Wunder in meinen Armen. Berührten es und konnten es kaum fassen. Alles war so klein und unfassbar niedlich. Ich fühlte mich so klar und wach, obwohl ich zwei Nächte nicht geschlafen hatte. (…)

Zuhause angekommen stellten wir die Kleine im Wohnzimmer ab und fragten uns: “Und was jetzt?” Ab ins Bett, wo R. und ich hingehörten. Wir kuschelten uns alle drei zusammen und genossen die ersten Momente in unserem Zuhause. Pepe war noch bei Y. Er wurde ein paar Stunden später von S. geholt und durfte seine kleine Schwester kennen lernen. Sehr interessiert war er nicht. Wie alles andere in seinem Leben wurde sie etwas abgeschleckt und das war es. Erst jetzt kommt mehr Interesse auf.

Nun sind wir eine kleine Familie. Voller Liebe, bedingungsloser Liebe zu unserer Tochter.