Geburtsort:

Klinik

Geburtsbericht L. 20.05.2019, 17:58, 3360g, 52cm

Am 13.05., einen Tag nach errechnetem Termin, spürte ich endlich die ersten Wellen. Sie waren leicht und kamen und gingen immer wieder mal für eine Weile. Ich war voller Vorfreude und ohne jegliche Angst vor der Geburt – was ein meinem Umfeld teilweise für Erstaunen sorgte. Am 15.05. kamen sie wieder, diesmal ein wenig deutlicher und länger. Ich war der glücklichste Mensch der Welt, ging im strahlenden Sonnenschein spazieren und tanzte mit dem kleinen Mann im Bauch und Musik auf den Ohren am Wupperufer vor mich hin. Pünktlich zum Schlafen gehen war dann Pause und ich freute mich über eine ruhige Nacht.

Am nächsten Tag war ich wie empfohlen beim CTG – und hörte schon bei den ersten Tönen, dass da etwas nicht stimmte. Nach wenigen Sekunden waren dann wieder die „galoppierenden Pferdchen“ zu hören, aber der Gesichtsausdruck der Arzthelferin bestätigte mir, dass ich mich nicht verhört hatte. Die Ärztin schickte uns wegen der abfallenden Herztöne in die Klinik zur Überprüfung. Plötzlich waren da Stress und Angst (um mein Kind, um die Geburt, vor einer Einleitung) – und ab da keine einzige Welle mehr.

Die gute Nachricht war: Jedes CTG war ab jetzt unauffällig. Allerdings reagierte mein Körper auf meine Anspannung und verhielt sich still. Ich bin bis heute überzeugt, dass der Kleine von alleine gekommen wäre, wenn ich nicht in der Klinik gelandet wäre. Es gelang mir, mich Freitag Nachmittag aus der Klinik heraus zu diskutieren, um es zu Hause in entspannter Umgebung weiter versuchen zu können. Allerdings sollte ich weiter jeden Tag zum CTG kommen und die Ärztin meinte, am Sonntag würden wir uns dann über eine Einleitung unterhalten.

Nach einem unauffälligen CTG am Samstag drückte mir am Sonntag direkt eine Schwester einen Stapel Papiere zum Unterschreiben in die Hand. „Wir unterhalten uns am Sonntag über eine Einleitung“ war in der Akte vermerkt als „Sonntag wird definitiv eingeleitet“, was im Hinblick auf ET+7, abfallende Herztöne und eine nicht gerade leichte Schwangerschaft sicher nicht die schlechteste Idee war. Aber ich war einfach nicht drauf eingestellt. Überhaupt nicht – was rückblickend etwas naiv war, ich wollte es vielleicht nicht wahrhaben. Mein Mann und ich sind zum Parkhaus spaziert, meine Sachen holen, damit ich durchatmen und wir eine Entscheidung treffen konnten (ich war völlig durch den Wind, weil ich nicht damit gerechnet hatte). Oder besser gesagt: Uns damit abfinden, das Richtige zu tun. Denn wir wollten nach so einigen Schreckmomenten in der Schwangerschaft definitiv kein unnötiges Risiko für unser Kind eingehen.

Mittlerweile war es 18 Uhr. „Wir geben Ihnen jetzt erst mal eine Testdosis, um zu schauen, ob Sie das Medikament vertragen. Morgen früh machen wir weiter und verdoppeln. Durchschnittlich dauert es drei Tage, bis das Kind dann kommt.“ Bereits 20min später spürte ich ein erstes Ziehen im Bauch. Ich blickte voller Vorfreude aufs CTG – aber da war nichts. 20 Minuten später wieder, aber auch da blieb die Linie auf dem CTG flach und zeigte nichts, nicht mal das kleinste Ruckeln. Ich war enttäuscht. Dann waren es wohl nur die Nebenwirkungen des Medikaments auf den Verdauungstrakt, und der hatte mir ja in der Schwangerschaft oft genug Ärger gemacht und mich auch schon wegen vermeintlichen Frühwehen in die Klinik getrieben, die dann doch keine waren.

Auf Station unterhielt ich mich dann angeregt mit meiner Bettnachbarin, die ihr Kind bereits bekommen hatte und ärgerte mich über das anhaltende Bauchziepen und versuchte es auszublenden (Fehler 1). Ich aß wenig ( weil ich dachte, dass ich nachts ohnehin aufwachen würde und auch dann essen könnte, Fehler 2) und machte erst spät das Licht aus, weil ich von meinem Buch nicht loskam (Fehler 3). So wirklich schlafen konnte ich aber nicht, weil die Nebenwirkungen dieses blöden Medikaments mich kaum zur Ruhe kommen ließen.

Nachts gegen 3 Uhr meinte meine Bettnachbarin dann plötzlich, ob ich nicht in den Kreißsaal wolle, ich würde die Wehen ja schon veratmen. Ich war immer noch überzeugt, dass das nur die Nebenwirkungen des Medikaments waren. Schwäbischer Dickschädel.

Im Kreißsaal konnte ich es kaum fassen, als auf dem CTG dann sehr, sehr deutliche Wellen zu erkennen waren. Es ging los – es ging schon rund, ich war mittendrin und ich hatte es nicht mal mitbekommen! Der Panikmodus sprang wieder an, und mit der Angst wurden auch die Schmerzen stärker. Ich rief meinen Mann an, der noch duschen wollte und sich dann auf den Weg machen (ca. 25min Fahrt). Die Untersuchung ergab: Der Muttermund war noch komplett geschlossen. Mein Mut sank. So viel Schmerz, so ein intensives Körpergefühl, und da sollte sich noch gar nichts getan haben? Zurück auf dem Zimmer startete ich mit der Hypnose zur Geburt, aber es fiel mir schwer, mich darauf einzulassen. Es war genau das eingetreten, was ich mit der Hypnose umgehen wollte: Ich hatte Angst, mein Körper krampfte, das verstärkte den Schmerz und das wiederum die Angst. In diesen Momenten hatte ich solche Zweifel, ob all die Vorbereitung, all die Übungen für die Hypnose, all die positive Einstimmung vielleicht nichts gebracht hatten. Oder besser gesagt: zu wenig. Die Hypnose half mir, mich etwas zu entspannen und irgendwie mit der Situation umzugehen. Aber so richtig in den Fluss kam ich nicht.

Es wurde besser, als mein Mann kam. Ich war so erleichtert und froh, ihn an meiner Seite zu haben. Das hat mir den Rücken gestärkt und mir Kraft und Mut gegeben.

Gegen Morgen (ich glaube, 7 Uhr) machten wir uns auf den Weg in den Kreißsaal, um mal nach dem Stand zu schauen und nach einem Schmerzmittel zu fragen. Das war mein Plan B und der war in dem Fall völlig okay für mich, um aus dieser Angst-Schmerz-Spirale heraus zu kommen. Hurra, der Muttermund war bei 4cm, ich durfte im (völlig leeren) Kreißsaal bleiben und bekam den schönsten und größten der vier Kreißsäle und zwei Zäpfchen (Buscopan und ein Schmerzmittel). Ich fragte sofort nach der Wanne, weil ich wusste: Es gibt nur die eine, und das Wasser würde mir helfen.

Nach über einer Stunde mit unauffälligem CTG war es dann soweit: Ich durfte endlich in die Wanne! Mit dem Eintauchen in das Wasser veränderte sich für mich der Geburtsverlauf. Das warme Wasser auf der Haut tat mir gut, und da es meine Entscheidung, mein Wille war, hatte ich ab hier das Gefühl, mitzubestimmen, selbst ein Stück mehr Herrin der Dinge zu sein. Die Hypnose, die mein Mann per Bluetooth-Box auf laut stellte, half mir, immer mehr in den Prozess hinein zu kommen. Ich bekam ein besseres Gefühl für das, was sich in mir abspielte und konnte aktiver mitarbeiten. Teilweise spürte ich sogar, wie sich der Muttermund öffnete, und ich war fasziniert von der Kraft, die da in mir wirkte, von der Transformation, die mein Körper durchlief.

Ich versuchte die tiefe Bauchatmung, aber wie bereits zuvor beim Üben klappte das nicht so richtig. Schreien empfand ich als nicht produktiv, also verlagerte ich mich ganz klassisch aufs Tönen und hatte das Gefühl, genau den Effekt zu erreichen, den Kristin in ihrem Kurs für die Bauchatmung beschreibt: Druck nach unten, so dass das Kind gegen den Muttermund drückt und die Öffnung und noch mehr Wellen anregt. Ich tönte irgendwann sehr laut und kraftvoll und mein Mann erzählte mir später, das habe sich total kontrolliert angehört (was ihn entspannt hat) und war kein Vergleich zu dem, was mittlerweile aus den anderen Kreißsälen zu hören war.

Nach zwei Stunden musste ich die Wanne verlassen, war aber auch völlig erschöpft. Zurück im Kreißsaal unterhielten wir uns mit der Hebamme dann über Plan B, die Zweite. PDA oder Meptid standen zur Wahl, ich entschied mich für Meptid. Es war die richtige Entscheidung – ich habe etwa zwei Stunden im Kreißsaal geschlafen! Mittlerweile war ich so tief in Hypnose, dass ich bei jeder Welle nur an den Rand des Wachbewusstseins kam und danach sofort wieder tief und erholsam einschlafen konnte. Das hat mir die Kraft für den weiteren Verlauf gegeben.

Was dann kam, ist mir kaum noch präsent. Ich war so tief in Trance und so sehr im Geburtsprozess, dass ich die Außenwelt kaum wahrnahm. Die Hypnose lief weiterhin aus der Box, sodass ich mitbekommen konnte, was um mich geschah, aber alles Irrelevante wurde herausgefiltert, ich konzentrierte mich auf meinen Körper und mein Kind. Ich trank, wenn mein Mann mir den Strohhalm hinhielt, ging an seinem Arm auf Toilette (teils mit offenen, teils mit geschlossenen Augen – was mich aber nicht aus der Trance brachte) und ließ geschehen, was da so geschah. Ich habe mir zu Herzen genommen, was Kristin in der Podcastfolge zum Thema Hingabe erzählt. Sich dem Prozess hingeben, sich öffnen, sich nicht schämen, alles geschehen lassen. Ich bin mir sicher, dass ich im Kreißsaal während den Wellen ein oder zweimal gepullert habe – aber das gehört halt bei einer Geburt dazu und die Hebammen kennen das. Ich hatte nach der Wanne nur einen Krankenhauskittel an und bin mir sicher, dass da so mancher Besucher meinen blanken Hintern gesehen hat. Das war mir bewusst, aber völlig egal. Ich habe mich fallen lassen in diesen Prozess und mich hingegeben und mich auf meinen Mann und die Hebammen verlassen.

Zwischendurch war Schichtwechsel und ich hörte die eine Hebamme zur anderen sagen: „Hast du sowas schon mal gesehen?“ „Nee, du?“ „Ich auch nicht.“ Ich war tief, tief in Trance. Die Wellen kamen und gingen, ich veratmete sie ruhig. Auch in der Trance war ich nicht schmerzfrei. Aber das war okay. Das war auch nie mein Ziel – ich wollte angstfrei sein, und das hatte ich mittlerweile erreicht. Ich kenne mich gut, ich bin eine Paniknudel und hatte mich unter anderem für eine Geburt in Hypnose entschieden, weil ich nicht in die Angst-Schmerz-Spirale rutschen wollte. Das war nun zwar geschehen, aber ich hatte es heraus geschafft und war tiefenentspannt und völlig angstfrei. Der Schmerz war für mich Teil des Prozesses und völlig okay. Ich arbeitete und atmete mit den Wellen und akzeptierte das Körpergefühl, statt wie zu Beginn mich geistig dagegen zu wehren. Ich spürte die Intensität dessen, was da passierte, und es war okay, es war notwendig, um mein Kind zu gebären, es gehörte dazu und ich dachte nicht weiter darüber nach.

Um 15 Uhr hieß es dann: Muttermund vollständig eröffnet, hurra! Wieder einmal hieß es: „Bald hast du es geschafft!“, aber wieder stimmte es nicht. Der Arzt kam kurz rein, ging aber wieder. Ich spürte nicht wirklich Pressdrang, bis zum Schluss nicht. Immer noch war ich tief in Trance und mein Mann erzählte mir später, dass ich in der Austreibungsphase einen Ruhepuls von 60 hatte. Glaubt mir kaum jemand.

Die lange Nacht und die Erschöpfung waren es vermutlich, die die Wellen weniger werden ließen. Die Fruchtblase wurde mit meinem Einverständnis manuell geöffnet, irgendwann bekam ich einen Wehentropf. Beides machte mich kurzzeitig nervös, weil ich einen Wehensturm befürchtete, der aber ausblieb, auch als die Oxytocingabe erhöht wurde. Dann begannen die Turnübungen. Im Liegen, Beine angewinkelt. In der Hocke (was sich nicht produktiv anfühlte). Im Stehen am Kreißbett, was sich gut anfühlte und wo sich gefühlt auch was tat – aber irgendwann war ich zu platt und kam nicht mehr weiter.

Irgendwann kam dann wieder der Arzt dazu. Er erklärte uns ruhig, dass der Muttermund nun schon seit drei Stunden offen sei und die Herztöne des Kleinen seit einiger Zeit zunehmend Stress anzeigten und langsam nicht mehr so gut aussähen. Er klärte uns ruhig und sachlich über die Saugglocke auf und ich war froh und dankbar, dass ich mich vorher damit beschäftigt hatte und das Vorgehen und die damit verbundenen Risiken kannte. So konnte ich ohne jegliches Zögern oder Angst zustimmen.

Ab da ging es sehr schnell. Die Saugglocke wurde angebracht und ich bekam die Anweisung, mit der nächste Welle so kräftig zu pressen, wie es geht. Das tat ich mit aller verbliebenen Kraft und war froh, als ich anschließend kurz verschnaufen konnte. Ich spürte, dass der Platz nicht reichte und dass ich reißen würde und auch wie ich gerissen bin, aber es war okay für mich und hat mir keine Angst gemacht. Im Geburtsbericht steht der schöne Satz „Patientin betreibt Hypnobirthing und ist schmerzfrei.“ Das stimmt nicht, ich war nicht schmerzfrei, ich habe den Schmerz schon gespürt – aber er war völlig okay für mich. Wieder kam eine Welle, und ich presste, auch noch ein zweites und drittes Mal und wollte wieder durchatmen, als die Welle vorbei war und ich keine Kraft mehr hatte. „Nochmal!“ rief der Arzt und ich nahm irgendwoher noch Energie, presste und war völlig erschöpft. „Noch einmal!“ hieß es, und wieder kam irgendwoher Kraft, die ich glaubte, nicht mehr zu haben.

Und da war es geschafft. Mein Kind war geboren, und kurze Zeit später legte mir jemand dieses zauberhafte kleine Wesen auf den Bauch, das mich ruhig und friedlich aus großen, neugierigen Augen anschaute. Es war der glücklichste und zauberhafteste Moment in meinem Leben. Ich versank in diesen blauen Augen und war fasziniert von dem kleinen Menschen, der sich da gerade seinen Weg ins Leben gebahnt hatte. Mein Mann stand hinter mir, strahlte und ließ uns beiden Zeit. Ich war erstaunt, wie groß dieses Kind war. Irgendwie hatte ich ihn mir kleiner vorgestellt. Im Hintergrund redete immer noch Kristin beruhigend auf uns ein, und mein Mann schaltete um auf nur die Hintergrundmusik, so dass die Klänge, die uns während der ganzen Geburt begleitet hatten, auch weiterhin zu hören waren.

Als die Plazenta kam, stellte sich leider heraus, dass ein Stück fehlte. Ich musste also in den OP für eine Ausschabung und fürs Nähen des Dammrisses. Was mir unter anderen Umständen Angst gemacht hätte und die Trennung von meinem so frisch geschlüpften Kind schwer, war dank des weiterhin anhaltenden leichten Trancezustands kein Problem für mich, ich war entspannt und glücklich.

Dann kam ein weiterer toller Moment für mich: Die Hebamme legte mir den Kleinen an die Brust. Ich hatte aufgrund meiner Schlupfwarzen seit Teenie-Tagen Angst, dass es nicht klappen könnte und dass ich (wenn überhaupt) nur mit Hütchen stillen könnte. Aber es klappte. Ohne jegliche Hilfsmittel. Und ich war so überglücklich und es war ein so schönes, inniges Gefühl, mein Kind an meiner Brust saugen zu spüren. Das hat mir so viel Mut und Kraft gegeben für den weiteren, nicht immer einfachen Stillverlauf.

Als ich auf dem OP-Tisch saß und die Nadel für die Spinalanästhesie gesetzt werden sollte, zählte ich mich schnell herunter – und das war auch gut so. Die lokale Betäubung saß nicht richtig und ich konnte zum Erstaunen der Anwesenden ganz ruhig informieren, dass es noch wehtut und sie vielleicht nochmal nachlegen sollten. Spätestens jetzt war ich froh und dankbar, dass ich mich nicht für eine PDA entschieden hatte, denn meine Wirbel machten uns allen das Leben schwer. (…) Beim fünften Anlauf klappte es schließlich und ich war froh, in Hypnose und angstfrei zu sein (…). Als alles draußen war, was keine Miete zahlt, und der Riss vernäht war, zählte ich mich wieder hoch und konnte entspannt die Glückwünsche entgegen nehmen (man gratuliert erst, wenn auch die Plazenta komplett geboren ist).

Die Anästhesistin fragte mich schließlich, wie ich das gemacht hätte. Sie habe in ihrer ganzen Karriere noch niemanden erlebt, der bei einer solchen Prozedur so ruhig geblieben ist. Also erzählte ich ihr von dem Onlinekurs und der Geburt in der Hypnose. Sie sah mich ernst an und meinte: „Bewahren Sie sich das. Bewahren Sie sich das für Ihr Leben, das kann Ihnen noch so nützlich sein.“ Und schon jetzt kann ich sagen: Sie hat recht (Schmerzen beim Stillen, Ultraschall bei Brustentzündung, Einschlafen gemeinsam mit dem Kleinen…)!

Ich wurde ins Nachwehenzimmer geschoben, wo ein glücklicher, stolzer Papa mit nacktem Oberkörper mit seinem Sohn kuschelte. Er reichte mir den kleinen Mann und wir konnten ab da entspannt und aufgeregt zugleich, aber definitiv glücklich, den ersten Abend zu dritt genießen.