"Louwen-Diät" & Louwen-Ernährung: Exklusives Interview und Leitfaden mit Prof. Dr. Louwen

Unter dem Namen "Louwen-Diät" (oder besser: Louwen-Ernährung) machen zunehmend Ernährungsempfehlungen für Schwangere die Runde, die eine erleichterte und kürzere Geburt versprechen.

Da der Namensgeber Prof. Dr. Frank Louwen selbst den Hype normalerweise nicht kommentiert, handelt es sich bei diesem Interview um die einzige offizielle Stellungnahme und wissenschaftliche Erklärung des bekannten Geburtsmediziniers und Leiters der Geburtsmedizin am Universitätsklinikum Frankfurt.

Prof. Louwen erklärt hier exklusiv, warum er den Begriff "Diät" ablehnt, wie die Reduktion des Blutzuckers die Produktion von Prostaglandinen optimiert und ab wann diese Ernährungsempfehlungen wirklich Sinn ergeben.

Dieses Interview wurde im Rahmen des Podcasts "Die Friedliche Geburt" geführt und ist auch als Audio und Video-Aufzeichnung verfügbar.

Gynäkologe Prof. Dr. Frank Louwen

Prof. Dr. Frank Louwen

Was ist die "Louwen-Diät"?

KRISTIN GRAF: Herr Prof. Dr. Louwen, ich freue mich sehr, dass wir es geschafft hier über die Ernährungsempfehlung zu sprechen, die in aller Munde ist, die sogenannte „Louwen-Diät“ oder „Louwen-Ernährung“. Sie sind Professor für Geburtshilfe und Perinatologie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main und Leiter des Perinatalzentrums am Frankfurter Universitätsklinikum. Sie sind als erster deutscher Arzt Präsident der FIGO, das ist die weltweite Dachorganisation aller Fachgesellschaften für Gynäkologie und Geburtshilfe und sind dort der jüngste Präsident in der 70-jährigen Geschichte der Organisation, die sich unter anderem für eine Verbesserung der Gesundheit und der Rechte von Frauen einsetzt. Ich freue mich wirklich sehr, dass Sie Zeit gefunden haben für dieses Interview.

PROF. FRANK LOUWEN: Frau Graf, vielen Dank, das war eine lange Einleitung.

GRAF: (lacht) Ja, und ich hab sogar gekürzt! Schön, dass Sie sich die Zeit genommen haben. Wir wollen ja sprechen über die sogenannte Louwen-Diät oder Louwen-Ernährung. Vielleicht können Sie einmal kurz erzählen, was hat es damit überhaupt auf sich?

LOUWEN: Ein Satz vorneweg ist ganz wichtig: Ich habe keine Diät erfunden und ich habe auch keine Ernährung definiert. Dieser Begriff „Louwen-Diät“ oder auch natürlich im Englischen dann „Louwen-Diet“ ist zwar um die Welt gegangen - wenn man meinen Namen eingibt in Google, kriegt man auf Deutsch über 200.000 Hits und Englisch über 800.000. Das Verrückte ist, ich habe gar keine Diät erfunden und ich spreche auch als einziger nicht darüber.

Es gibt Bücher über die Louwen-Diät und Ernährungsempfehlungen, Rezepte Lebenswandel, all solche Verrücktheiten und ich habe mit keinem dieser Bücher oder Buchautoren irgendetwas zu tun und dementsprechend natürlich auch keine Beteiligung. Und das hat einen guten Grund, warum ich das bis heute nicht getan habe: Wir haben ja erkannt, weltweit dass natürlich die Ernährung ein wesentlicher Faktor für unsere Gesundheit ist. Und wir haben auch gesehen - die Daten finden sich weltweit in allen industrialisierten Ländern - der Erfolg einer Geburt reduziert sich kontinuierlich. Zumindest wenn man "Erfolg" definiert als: zum richtigen Zeitpunkt, ohne medizinische Mittel einfach ein Baby zur Welt bringen, gesund und fit für Mutter und Kind.

Das ist schon hoher Anspruch, das ist natürlich völlig klar. Aber, wenn man einfach nur die letzte Generation, also die Mütter der Frauen, die jetzt Kinder zur Welt bringen, vergleicht mit den aktuellen Daten, dann hat sich der Anteil an Frauen, die „übertragen“, die also auch sieben Tage nach dem ET noch nicht ihr Baby zur Welt gebracht haben, dann hat sich der Anteil an Frauen, die ohne Geburtsanleitung ihr Baby zur Welt bringen können, der Anteil an Frauen, die keine zusätzliche Schmerzausschaltung unter der Geburt benötigen - alle diese Zahlen haben sich drastisch verändert.

Der Schmerzmittelbedarf ist hoch und steigt kontinuierlich. Die „Übertragung“ ist hoch, der Anteil an Frauen, die Geburtsanleitungen brauchen, ist hoch. Das heißt: hier hat sich ja etwas getan und das kann ja mit den Genen nichts zu tun haben, denn natürlich haben die Frauen, die heute ihre Babys kriegen, im Vergleich zu ihren Müttern keine genetischen Veränderungen. Es ist absolut das Gleiche. Was sich verändert hat, ist unsere Ernährung.

Der wissenschaftliche Mechanismus: Prostaglandine, Blutzucker und Rezeptoren

LOUWEN: Es liegt jetzt so 20 Jahre zurück, dass wir angefangen haben, uns mit meinen Arbeitsgruppen hier in Frankfurt dafür zu interessieren und da gab es spannende Befunde. Zum Beispiel Frauen, die einen erhöhten Blutzucker im Rahmen einer Diabetes-Erkrankung haben, egal ob Typ 1, Typ 2 oder auch Schwangerschaftszucker, die haben fast immer übertragen. Sie sind fast nie selbst in die Geburt gegangen, haben einen sehr hohen Schmerzmittelbedarf und haben einen sehr niedrigen „Geburtserfolg“. Das heißt, sie benötigen am Ende einen Kaiserschnitt, weil es dann eben doch nichts wird. Was ja frustrierend ist und auch für Mutter und Kind definitiv nicht gesund. Dagegen Frauen, die eine gute Blutzuckereinstellung hatten, die haben sich nicht wesentlich unterschieden von Frauen, die keine Zuckererkrankung hatten. Okay, das war ein spannender Befund: Allein nur der Blutzucker, ansonsten keine Unterschiede in der Ernährung.

Und dann haben wir natürlich uns sehr dafür interessiert: gibt es irgendwelche Befunde, wissenschaftliche Befunde, molekularbiologisch, zellbiologisch die uns das erklären können?

Und da sind wir auf einen Physiologen in Australien gestoßen, der tolle Publikationen vor langer langer Zeit geschrieben hat, in den 80er Jahren, Fowden heißt der Mann.

Der konnte zeigen, wenn man Tiere, Schafe, Pferde mit zu viel Zucker ernährte kurz vor der Geburt, dann haben die zu wenig an dem Hormon gebildet, was für den Geburtsbeginn relevant ist, nämlich Prostaglandine. Und diese Prostaglandine werden im Mutterkuchen produziert. Und so kam eine Story zustande die mittlerweile ja offensichtlich dazu geführt haben, dass viele Frauen das ausprobiert haben, diese Empfehlung, auf die wir sicher zu sprechen kommen, und die erlebt haben: es funktioniert. Auf einmal bekomme ich pünktlich, ohne Geburteinleitung, rasch mein Baby und habe dabei nicht einmal einen Schmerzmittelbedarf. Das ist gewaltig, denn hier erleben wir, wie extrem der Einfluss unserer Ernährung auf unsere Fitness, auf unsere Gesundheit, auf unser Leben ist. Und das ist an so einem Schnittpunkt wie einer Geburt ganz offensichtlich extrem deutlich.

GRAF: Bei Tieren konnte man das also auf jeden Fall beobachten. Und ist das einfach eine Beobachtung, die Sie so machen, bei Frauen, die das anwenden oder gibt es da auch eine Studie dazu?

LOUWEN: Ja, wir machen natürlich große Beobachtungsstudien dazu hier bei uns in Frankfurt, die auch laufen. Das ist nur mittlerweile schwierig geworden, denn natürlich kennt im deutschsprachigen Raum jeder diesen Begriff der „Louwen-Diät“. Nochmal: den habe ich nicht erfunden, den haben andere gemacht. Aber jeder kennt diesen Begriff und jeder weiß das auch schon. Wie will ich heute einer Frau erklären: passen Sie auf, sie vergessen alles, was Sie darüber gelesen haben und Sie ernähren sich mit Süßigkeiten weiter, wie sie es mögen. Dann wird es schwierig, weil so eine Studie würde selbstverständlich niemand mitmachen. Es ist sogar schon ein ethisches Problem geworden, weil mittlerweile die Daten, auch unsere Labordaten, so überwältigend deutlich den Einfluss zeigen. Da wird es jetzt schon schwierig, auch ethisch Frauen vorzuenthalten, welchen Einfluss die Ernährung auf die Geburt hat, denn sowas würde auch mit Recht keine Ethikkommission mehr zustimmen.

Also haben wir es ein bisschen gewechselt und gucken uns sehr genau an: wie ist die Ernährung von Frauen, wie reagieren diese Frauen auf ihre Ernährung, wie hoch sind die Blutzuckerspiegel und am Ende: wie viel Prostaglandine produziert der Mutterkuchen, wie verlaufen die Geburten und wie werden die Rezeptoren ausgebildet, die für den Erfolg der Hormone überhaupt zuständig sind. Und alles dies ist natürlich dann am Ende auch wertvoller. Nicht einfach nur eine Beobachtung zum Thema zu machen, sondern auch zu erklären, was dahinter ist, ist natürlich das Wichtigste, damit man auch vernünftig reagieren kann.

GRAF: Ja, da haben Sie ja schon sowas angedeutet, was ich auch in meiner Recherche gefunden hatte, im Zusammenhang mit Rezeptoren? Vielleicht können Sie das auch mal ein bisschen hier den Zuhörerinnen und Zuhörern erklären.

LOUWEN: Hormone sind Stoffe in unserem Körper, die nicht nur ein Signal geben, damit irgendwas passiert, sondern die unseren ganzen Körper auf eine Situation anpassen.

Ich erzähle Ihnen mal zunächst mal etwas, was nichts mit der Geburt zu tun hat woran man das sehr, sehr gut erkennen kann: Wenn ich in eine Stresssituation gerate, die ich bewältigen muss, dann muss mein Körper darauf eingestellt werden. Dann muss mein Herz super arbeiten, dann muss es viel Sauerstoff aufnehmen können über die Lungen, dann müssen meine Sinne geschärft sein, damit das funktionieren kann. Meine Muskeln müssen super durchblutet sein, damit ich reagieren kann auf diese Situation und dafür. Für all diese ganz verschiedenen Jobs in meinem gesamten Körper ist ein Hormon zuständig, das ist das Stresshormon Adrenalin.

Das heißt, wenn das ausgeschüttet wird, wird mein Körper komplett auf die Situation eingestellt und ich kann mit allem, was ich habe, mit jedem Organ, mit allem, was dazu gehört super reagieren. Und auch andere Bereiche werden abgeschaltet die jetzt gerade nicht benötigt werden.

Bei der Geburt ist das ganz ähnlich, aber bei der Geburt gibt es ZWEI wesentliche Hormone. Das ist selten, eigentlich produziert der Körper ein Hormon für einen Job, der dann gemacht werden muss. Zwei Hormone - das gibt uns schon einen Hinweis, da sind ganz verschiedene Sachen nacheinander notwendig, nicht gleichzeitig. Das erste heißt Prostaglandin und das ist für die erste Phase der Geburt zuständig, nämlich wenn der Muttermund sich öffnet. Und das zweite Hormon, Oxytocin, ist dafür zuständig die Gebärmutter so zusammenzuziehen, dass ein Baby durch den Gebärkanal hindurchgeschoben wird. Und die finden nacheinander statt: Bei einer natürlichen Geburt arbeiten zuerst die Prostaglandine. Und wenn die fertig sind, die Tür ist geöffnet, dann kann das Baby durch die Tür geschoben werden, dann kommt das Oxytocin ins Spiel.

Wenn wir uns also über den Geburtsbeginn unterhalten, dann geht es um die Prostaglandine. Prostaglandine wurden bei Ihnen und bei mir schon produziert als wir neu geboren waren. Von unseren Müttern, gerade frisch geboren, hat unser Körper schon Prostaglandine produziert. Und Prostaglandine haben ganz verschiedene Jobs: sie sind Botenstoffe im Gehirn und ganz wichtige Botenstoffe in der Immunabwehr. Prostaglandine können Blutgefäße enger stellen, andere können sie weiter stellen. Wie machen die das? Prostaglandine können nicht selber den Job machen, dann würden sie ja vielleicht nur eine einzige Aktion auslösen können, sondern Prostaglandine aktivieren Rezeptoren und die Rezeptoren machen den Job.

Und so kommt es, dass bei dem Adrenalin aus unserem Beispiel überall in meinem Körper verschiedene Rezeptoren sind, die alle ein Ziel haben: mich auf diese Stresssituation einzustellen. Und bei der Geburt ist es genauso. Beim Geburtsbeginn ist dieses Prostaglandin dafür zuständig den Gebärmutterhals, der ein Leben lang bei einer Frau drei bis vier Zentimeter lang ist und ganz derb und fest geschlossen, nun total zu verändern. Ihr Leben lang ist Ihr Gebärmutterhals natürlich fest verschlossen, denn der Gebärmutterhals ist die Verbindung zwischen Scheide und Gebärmutter. Und diese Verbindung muss unbedingt zu sein, so dicht wie es nur irgend geht, damit keine Keime von außen in die Gebärmutter und damit in ihren Bauchraum gelangen können, damit sie keine schweren Infektionen kriegen. Und das funktioniert fantastisch.

Das Baby gibt in der 36. Woche der Mutter ein Signal. Und dieses Signal, ist auch wieder ein Hormon übrigens, dieses Signal bedeutet: „ich bin fertig, bereite dich auf die Geburt vor“. Und dann hat eine Frau vier Wochen lang Zeit, sich auf die Geburt vorzubereiten, bei einer normalen natürlichen Geburt zum Termin. Das Baby hat das Signal an den Mutterkuchen gegeben und jetzt fängt der Mutterkuchen an, Prostaglandine zu produzieren. Und diese Prostaglandine haben zwei Jobs. Erstens am Gebärmutterhals die Rezeptoren erstmal zur Verfügung zu stellen, die vorher nicht da sind. Und zweitens sich da drauf zu setzen und den Gebärmutterhals immer kürzer, immer weicher zu machen, bis zum Termin. Und dann den Muttermund auch noch zu öffnen und Kontraktionen im unteren Anteil der Gebärmutter zuzulassen. Und wenn viele Rezeptoren da sind, dann können sich die Prostaglandine da draufsetzen und der Job wird gemacht und es funktioniert fantastisch. Und wenn die Rezeptoren nicht da sind... Dann passiert etwas Fatales, dann kommt die Frau am Termin an, der Gebärmutterhals ist immer noch drei Zentimeter lang und er ist immer noch nicht weich geworden und der Muttermund hat sich immer noch nicht geöffnet und sie bekommt eine Geburtseinleitung.

Und man kann eine Geburtseinleitung nicht vier Wochen machen, also gibt man mehr an Prostaglandin und das tut mehr weh, weil Prostaglandine auch noch einen Nebenjob haben. Sie aktivieren nämlich Schmerzrezeptoren. Und jetzt wird es klar: Wenn Sie viele Rezeptoren haben und die Geburt geht los, dann setzen sich die Prostaglandine alle auf diese Rezeptoren drauf und der Job, die schnelle Geburt, wird gemacht. Wenn Sie wenig Rezeptoren haben, dann sind viele Prostaglandine über, die keinen Rezeptor finden, auf den sie sich draufsetzen können. Und dann setzen sie sich auf die Rezeptoren, die immer da sind: die Schmerzrezeptoren. Und so kommt es, dass Frauen, die einen schlechten Befund haben, furchtbare Schmerzen haben bei Geburten, während Frauen die eine rasche Geburt haben, wenn sie die fragen: „wollen sie eine PDA?“ - Dann sagen die: „ich kriege jetzt mein Kind “. Jetzt ist also die Frage: Was hat das mit der Ernährung zu tun?

Und jetzt kommts: wenn der Blutzuckerspiegel in den letzten vier Wochen zu hoch ist, produziert der Mutterkuchen zu wenig Prostaglandine, und wenn er zu wenig Prostaglandine produziert, gibt es zu wenig Rezeptoren. Und wenn es zu wenig Rezeptoren gibt, dann dauert die Geburt lang, muss häufig eingeleitet werden, wird häufig übertragen und tut furchtbar weh. Und so kommt die Empfehlung zustande: verzichten Sie einfach auf Süßigkeiten und auf das Nahrungsmittel, was sofort Zucker freisetzt, nämlich Weizenmehl. Und wenn Sie das tun, reicht es schon völlig. Das war für uns eine Überraschung: Man braucht nicht mehr.

Die zentrale Empfehlung: Auf welche Lebensmittel muss ich verzichten?

GRAF: Wir hatten ja in der Community so ein bisschen gefragt, und sehr häufig kam die Frage: „wie genau mache ich das dann mit der Ernährung, auf was genau muss ich verzichten?“ Aber zu erkennen, es geht um den Blutzuckerspiegel generell macht es halt einfacher. Es gibt ja auch diese Annahme mit den Datteln...

LOUWEN: Natürlich, wenn Menschen realisieren, das ist ein Thema, die Ernährung hat irgendeinen Einfluss und ich könnte mir möglicherweise die Geburt damit leichter machen. Dann gibt es natürlich auch die Erkenntnis, okay, wie kann ich das für mich benutzen? Kann ich da auch einen Gewinn rausziehen? Bücher schreiben, Datteln empfehlen oder was sonst alles. Und das werde ich ja dauernd gefragt.

Ich mache ja so einen Eltern-Info-Abend, übrigens die einzige Gelegenheit, bei der ich überhaupt darüber berichte, außer jetzt mit Ihnen tatsächlich, das ist das erste Mal. Und ich habe mir das lange überlegt, ob ich es tun soll oder nicht. Aber vielleicht ist es wirklich dann auch gut. Der Zusammenhang zwischen Ernährung und der erfolgreichen Geburt, den erzähle ich ja in dem Eltern-Info-Abend, der zweimal im Monat bei uns in Frankfurt stattfindet. Da geht es auch nur um die Geburt und nicht um uns. Ich erzähle nicht, warum man bei uns ein Baby kriegen muss oder sonst was. Und durch diesen Abend sind natürlich in den letzten 20 Jahren etwa 75.000 Frankfurterinnen und Frankfurter und viele Menschen von auswärts gekommen. Und so hat es sich verbreitet und so kommt es jetzt zu dieser Breiten Erkenntnis, die dann auch viele angewandt haben, egal wo sie ihr Baby bekommen haben.

Es funktioniert ja tatsächlich und der entscheidende Satz glaube ich ist: sie müssen ihr Leben nicht umstellen, sie müssen auch das was sie was sie gerne mögen, was sie gerne essen nicht umstellen, verzichten sie einfach auf Süßigkeiten, Zucker und Weizenmehl!

GRAF: Wie lange lasse das weg?

"Louwen-Diät" ab der 36. Woche: Der Startzeitpunkt

LOUWEN: Ab der 36. Woche, völlig, weil ja erst in der 36. Woche der Mutterkuchen überhaupt mit der Prostaglandin-Produktion beginnt. Es hat nichts mit der Regulation, hat auch nichts mit Frühgeburtlichkeit zu tun, sondern nur damit: wann fängt der Mutterkuchen an, Prostaglandine zu bilden und wie kann ich dem Mutterkuchen helfen, das top zu machen. Und das Einzige was man dann tun muss, ist hohe Blutzuckerspiegel, immer wieder diese hohen Blutzuckerspitzen zu vermeiden. Und wenn man das tut, und das ist gut untersucht, dann kann der Mutterkuchen in Ruhe Prostaglandine bilden, den Körper optimal vorbereiten und dann ist die Wahrscheinlichkeit dass man am Termin mit eigenen Wehen das Baby zur Welt bringt, drastisch erhöht. Und das ist der ganze Sinn.

GRAF: Das ist so simpel, wie Sie das erzählen, dass man denkt, es kann doch nicht so einfach sein.

LOUWEN: Manchmal ist es so einfach. Wobei ich muss einschränkend sagen: der molekulare und zellbiologische Hintergrund dabei, der nimmt uns sehr in Anspruch. Seit über zehn Jahren versuchen wir sehr genau zu verstehen, wie das reguliert wird im Mutterkuchen was dahinter steckt. Und das wird sicherlich noch ein, zwei Jahre in Anspruch nehmen, bevor wir da mit sehr guten Daten dann tatsächlich auch auf den Markt kommen. Aber ich glaube, das Thema ist so wichtig. Wir machen immer wieder Fehler in der medizinischen Wissenschaft, dass wir epidemiologische Daten, Statistiken und so weiter verbreiten und daraus unsere Empfehlungen machen, ohne wirklich verstanden zu haben, was steckt dahinter. Und deswegen haben wir uns hier in Frankfurt gesagt, das machen wir nicht. Wir werden sehr genau verstehen, was dahinter steckt. Dann werden wir sehr genau publizieren. Und daraus entstehen ja gewaltige Dinge. Wenn ich weiter spinnen darf, wenn wir verstanden haben, wie das mit diesen Rezeptoren am Gebärmutterhals funktioniert, dann können wir auch uns Gedanken darüber machen, wie wir Frühgeburten verhindern. Denn da werden ja nun fälschlich zu früh Rezeptoren gebildet die nichts mit dem Mutterkuchen zu tun haben, nichts mit der normalen Geburt nichts mit dem Blutzuckerspiegel, sondern meistens mit Infektionen.

Und wenn man den Mechanismus mal verstanden hat, dann kann man auch bei nicht natürlichen Situationen wie einer normalen Geburt am Termin Und daraus natürlich Erkenntnisse ziehen. Wir wollen sehr genau wissen, wie funktioniert das mit den Rezeptoren? Und ich glaube, dann wird es sehr, sehr wertvoll. Ändert aber nichts daran, dass ich immer wieder weiter den Frauen sagen werde : Verzichten Sie einfach auf die Süßigkeiten und das Weizenmehl und das reicht.

Fruchtzucker, Datteln und Glykämischer Index

GRAF: Wir haben ein paar Fragen zusammengetragen die würde ich jetzt mal stellen. Ein paar sind auch schon beantwortet worden, also einige. Hier ist nochmal die Frage zum glykämischen Index.

LOUWEN: Ja, der glykämische Index, der gibt eine Information darüber, welche Auswirkungen ein bestimmtes Nahrungsmittel auf den Blutzucker hat. Da würden wir jetzt tatsächlich schon in eine Diät übergehen, was ich ja gerade nicht möchte. Das glaube ich nicht, dass das so sinnvoll ist.

Viele Nahrungsmittel haben natürlich Zucker. Glukose. Und es geht dabei übrigens nie um Milchzucker, es geht nie um Fruchtzucker, es geht hier in diesem Konzept immer um die Glukose, um den Traubenzucker, um den weißen Zucker, den wir uns in den Kaffee tun oder in den Tee oder mit dem wir Nahrungsmittel süßen, damit sie besser gekauft werden, also Fruchtsäfte beispielsweise. Also nie Fruchtzucker. Davon kann man essen, wie viel man will, offensichtlich. Milchzucker können Sie essen, so viel Sie wollen. Hat keinen Einfluss auf das, worüber wir hier reden, nämlich über die Optimierung.

GRAF: Also in der Frucht. Genau, also man kann ja auch den Fruchtzucker separat essen und da heißt es ja immer, der ist ganz besonders schädlich habe ich zumindest mal gehört, wenn man den so isoliert, aber wenn man jetzt Obst isst oder so, das wäre jetzt nicht was, wo Sie sagen würden, dass...

LOUWEN: Jedes Obst, jedes Gemüse, kein Problem.

GRAF: Also Datteln sind auch okay?

LOUWEN: Das Problem ist: wie schnell setzen Datteln Glukose frei und da sind Datteln tatsächlich ein Nahrungsmittel, das sehr leicht, sehr, sehr viel an Glukose freisetzt. Es erleichtert auch keine Geburt. Ich weiß nicht, wer auf die lustige Idee mal gekommen ist, das zu verbreiten, aber dazu gibt es nun wirklich überhaupt keine Studie, dass Datteln irgendeinen positiven Einfluss auf die Geburt haben könnten. Aber das ist ein anderes Thema. Also Datteln will ich jetzt auch ganz bewusst nicht nach vorne schieben, obwohl ich weiß, dass es sogar ein Buch gibt über die Louwen-Diät und Datteln. Das, ähm ja, ja es gibt alles, das ist unfassbar.

Aber der glykämische Index ist ganz wichtig. Natürlich können Sie, wenn Sie sich gesund ernähren wollen, einmal versuchen herauszufinden, wie reagiert mein Körper auf verschiedene Nahrungsmittel und der glykämische Index gibt da schon mal einen ganz guten Hinweis, welches Nahrungsmittel besonders viel Zucker hat und auch einen starken Einfluss auf den Blutzuckerspiegel hat. Aber noch einmal: das spielt alles keine große Rolle, wenn es nur darum geht, dass der Mutterkuchen den Körper optimal auf die Geburt vorbereitet. Da reicht es tatsächlich, auf Süßigkeiten und Weizenmehl zu verzichten. Und das war's. Also bei jedem Nahrungsmittel nachgucken, wie der glykämische Index ist, ist total schwierig und es versaut einem auch irgendwie die Lust am Essen. Und das ist gar nicht nötig.

GRAF: Ja, und es gibt ja auch einfach so weit verbreitet Essstörungen in unserer Gesellschaft, dass ich auch immer denke: macht euch bitte nicht so einen wahnsinnigen Stress damit. Ich finde es total schön, dass Sie sagen, es ist eigentlich ganz schlicht so und mehr muss man eigentlich nicht tun.

Vollkorn, Smoothies und Snacks unter der Geburt

LOUWEN: Ja gut, das Weizenmehl macht es nicht leicht. Das ist ja nun ein Nahrungsmittel, das deshalb so erfolgreich auch ist, weil es uns schmeckt. Denn Weizenmehl hat die schlechte Eigenschaft, dass es sofort Glukose freisetzt. Das kann man ausprobieren, wenn man mir nicht glaubt. Man kauft sich einfach ein weißes Brötchen, pult sich den Teig daraus, wie wir das früher als Schulkinder gemacht haben, steckt den in den Mund und dann nicht runterschlucken, sondern zehn Sekunden drauf rumkauen. Und nach zehn Sekunden wird das, was man da im Mund hat, dieser Weizenmehl-Teig, ganz süß.

Und deswegen funktionieren natürlich auch all diese Fast Food Nahrungsmittel so gut, weil die immer Weizenmehlbrötchen nehmen. Da kommen zwei Dinge zusammen, die wir Menschen positiv empfinden, nämlich süß und fettig. Da haben sie die fettige Frikadelle und dann haben sie das süße Weizenmehlbrötchen drumherum. Und das mögen wir und deswegen kaufen wir sowas. Da gibt es nun wirklich furchtbar viele Studien dazu.

Also Vollkornnudeln gehen, obwohl da auch Weizenmehl drin ist, aber bei Vollkornprodukten wird der Zucker langsam freigesetzt und der Körper kann damit umgehen. Wenn wir hingegen weißes Mehl benutzen - so schnell kann der Körper gar nicht Insulin dagegen produzieren, um den Blutzucker wieder runterzukriegen, er bleibt brutal hoch.

Zum Thema Obst: wenn Sie sich überlegen, okay, was ist jetzt gesund für mich und was nicht, dann ist es immer besser das Obst direkt zu essen und nicht das klein gehäckselte, denn da wird schon wieder der Zucker schneller raus freigesetzt. Also der gleiche Apfel kann ganz verschieden auf den Blutzucker wirken. Den Apfel so essen, wie er ist, oder klein geschnitten im Müsli oder sowas ist super. Dagegen Fruchtsäfte sind Ernährung und nicht Flüssigkeitszufuhr.

GRAF: Genau, und auch Smoothies haben auch dieses Problem.

LOUWEN: Genau so ist es.

GRAF: Außer die grünen vielleicht.

LOUWEN: Ja, das stimmt. Wenn wir beide jetzt einen Podcast machen würden über Ernährung in der Schwangerschaft, da hätten wir super Themen, die wir da austauschen, ohne jede Frage. Aber wenn wir uns über die Geburt unterhalten und die Erleichterung der Geburt: Einfach Süßigkeiten und Weizenmehl rauslassen und man hat tatsächlich schon alles optimal getan.

Es ist nicht leicht, ich sehe das ein. Viele Menschen mögen Süßigkeiten, haben sich daran gewöhnt und das ist dann auch jedes mal ein Thema. Da wird sogar verhandelt, welche Schokolade ginge oder nicht. Und dann ist meine Antwort immer: Schokolade: Süßigkeit. Aber einfach nur um Signal zu setzen: Wenn man das vier Wochen schafft, dann hat man für sich für die Geburt für das Baby das eigentlich das Optimum schon getan.

GRAF: Super. Es gibt noch eine Frage, die finde ich ganz lustig und ich weiß, glaube ich auch schon die Antwort: Snacks bei der Geburt. Ist das okay?

LOUWEN: Essen Sie, was Sie wollen bei der Geburt. Genau. Der Hunger ist reduziert übrigens. Also wenn man wirklich unter der Geburt ist, dann hat man auch nicht mehr wirklich Hunger. Aber... Wenn eine Frau eine Sachertorte unter der Geburt essen möchte, - jetzt sage ich den Markennamen, weil süßer geht es fast nicht - dann kann sie es gerne tun. Denn Energie unter der Geburt ist natürlich gewünscht, erlaubt und auch richtig. Und bis dahin sind ja längst alle Rezeptoren da und die Prostaglandine sind gebildet.

Fazit von Prof. Louwen: Die größte präventive Gesundheitsvorsorge

GRAF: Genau, wunderbar. Ja, Herr Professor Dr. Louwen, ich glaube fast, das war es schon mit dieser Podcast-Folge. Haben Sie noch irgendwas, wo Sie sagen: darauf möchte ich noch irgendwie eingehen?

LOUWEN: Erst einmal freue ich mich, dass Sie sich dieses Themas annehmen, weil ich glaube, es ist die gewichtigste, mittlerweile wichtigste Gesundheitsvorsorge auf diesem Planeten. Auch für die Babys, denn die Mutter ist die Umwelt ihres Kindes und sich dieses Themas anzunehmen jetzt nicht nur unter der Geburt, sondern auch Ernährung insgesamt, ist unglaublich wichtig. Es entscheidet darüber, wie gesund das Baby sein wird im Rest des Lebens. Dieses Thema anzusprechen ist vielleicht die Nummer eins auf der Shortlist. Was kann man tun, wenn man für Gesundheit präventiv etwas machen möchte? Also freue ich mich riesig.

GRAF: Vielen, vielen Dank, auch generell für Ihre Arbeit. Sie sind ja sehr engagiert, was die Frauengesundheit angeht, und ich bin sehr dankbar, dass Sie sich da so einsetzen. Ich wünsche Ihnen weiterhin ganz viel Erfolg und alles Gute.

LOUWEN: Ganz, ganz herzlichen Dank und viel Erfolg für Sie, Frau Graf.

Leitfaden und FAQ zur Louwen-Diät

Hier die wichtigsten Infos zur Louwen-Diät noch einmal zusammengefasst, wie von Prof. Louwen im Interview erklärt.

Empfiehlt Prof. Louwen eine spezielle Diät oder hat er sie erfunden?
Was genau ist der wissenschaftliche Hintergrund der Louwen-Diät?
Auf welche Lebensmittel sollte ich bei der Louwen-Ernährung konkret verzichten?
Wann muss ich mit der "Louwen-Diät" starten, damit sie wirkt?
Muss ich den glykämischen Index aller Lebensmittel beachten?
Sind Datteln und Fruchtzucker bei dieser Ernährung erlaubt?
Sind Vollkornprodukte oder Snacks unter der Geburt erlaubt?
Gynäkologe Prof. Dr. Frank Louwen

Beitrag von Prof. Dr. Frank Louwen

Prof. Dr. Frank Louwen ist ein angesehener Arzt, Professor für Geburtshilfe und Perinatologie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main und Leiter des dortigen Perinatalzentrums. Als führende Autorität im Fachgebiet wurde er als erster Deutscher und jüngster Präsident der FIGO (weltweite Dachorganisation für Gynäkologie und Geburtshilfe) gewählt. Seine wissenschaftliche Arbeit zu den Zusammenhängen zwischen Ernährung und Geburtsverlauf machte ihn zum (unfreiwilligen) Namensgeber der sogenannten "Louwen-Diät".

Mehr Informationen rund um Schwangerschaft und Geburt

Podcast-Folgen zum Thema Louwen-Ernährung