Erfahrungsbericht
von E.

Friedliche Patchwork Geburt mit vielen Ungewissheiten

Ich begann schon sehr früh mich mit dem Kurs der friedlichen Geburt vorzubereiten und den Podcast zu hören. Ich interessierte mich schon lange für alles rund um das Thema Schwangerschaft und Geburt und freute mich sehr, es jetzt zu erleben und mich noch mehr damit zu beschäftigen. Außerdem freuten sich natürlich mein Partner, meine Bonustochter und ihre Mama, auf unseren Zuwachs. Wir meldeten uns dann ziemlich früh im Geburtshaus unserer Stadt an, sowie in dem nächstgelegenen Krankenhaus, in dem auch ich geboren war.

***TRIGGERWARNUNG***

Ich übte die Hypnosen jeden Tag und stellte fest, dass ich weniger Angst hatte vor meinem gebärenden Körper, der Geburt oder „den Schmerzen“ sondern mehr vor dem Szenario Krankenhaus, dem Geburtspersonal und den traumatischen Übergriffigkeiten, von denen soviel (zum Glück heutzutage!) berichteten.

Außerdem hatte die Geburt meiner Bonustochter bei meinem Partner Spuren hinterlassen. Nach einer Schwangerschaftsvergiftung war sie, vor dem eigentlichen Geburtszeitraum und ziemlich plötzlich und unerwartet für die Eltern, mit einem Notkaiserschnitt geholt worden und hatte Schwierigkeiten gehabt, selbst zu atmen. Sie war dann sofort in eine Kinderklinik verlegt worden, die Mutter aber musste wegen der unabgeschlossen OP zurück bleiben. Mein Partner war dann Tagelang zwischen den beiden hin und her gependelt, bis sich zum Glück alle Wogen glätteten und alle gesund nach Hause konnten.

Auf meinen Wunsch beschäftigte er sich mit seinem Trauma und suchte Gespräche mit seiner Ex-Partnerin und unserer Hebamme. Hier half der Kurs mir ungemein, dem Leben zu vertrauen und vor allem mir, dass ich mit allem zurecht kommen würde, was passieren konnte.

***TRIGGERWARNUNG ENDE***

Das wurde dann auf die Probe gestellt, als klar wurde, dass der Geburtszeitraum unseres Pünktchens genau in einer Zeit lag, in der mein Partner unglaublich viel in unsere gemeinsame selbständige Arbeit eingebunden war und auch Reisen musste.

Wir planten und bereiten alles so vor, dass er zu jedem Zeitpunkt zurück kommen konnte, wenn die Geburt losgehen würde, aber da dieser Teil der Rechnung ungewiss war, blieb auch eine Rest-Ungewissheit, ob er von Beginn an der Geburt da sein würde oder es überhaupt rechtzeitig schaffen würde. Ihm half es, in seiner Vorstellung keine andere Option zuzulassen, als dass er von Anfang an bei uns sein würde.

Ich hatte riesige Angst davor, ohne ihn unser Kind auf die Welt zu bringen und fühlte mich sehr allein. Ich musste gedanklich mit der Option Frieden schließen und mich dafür öffnen, dass er nicht da sein könnte, um mit meiner Angst davor zurecht zu kommen. Ich beschloss, auch hier dem Leben und meinem Kind zu vertrauen, dass es den richtigen Moment für uns auswählen würde.

Mein Partner und ich stellten uns die Geburt gemeinsam vor, sprachen mit unseren Hebammen, machten zusammen ein paar Hypnosen, aber ich brauchte auch einen Plan B. Als ich mir die Geburt ohne ihn vorstellte, war meine erste Intuition, seine Ex-Partnerin, die Mutter meiner Bonustochter, dabei zu haben. Ich hatte sie schon oft in emotionalen „Krisensituationen“ erlebt und bewundere ihre Ruhe, ihre Zuversichtlichkeit und ihre Fähigkeit, den Raum zu halten.

Außerdem kannte ich ihre Klarheit und Entschiedenheit in Konflikten und wusste, dass sie mich gut nach außen abschirmen konnte, wenn es nötig wäre. Es war nun also soweit, wir waren mitten im Geburtszeitraum. Meine Bonustochter und ihre Mama waren für die Zeit bei uns, um da zu sein, wenn es losging und meine Mutter war in Bereitschaft, jeder Zeit die große Schwester abzuholen.

Auch mein Partner war zwischen den Reisen da, und als ich am Mittwoch morgen wach wurde, war mir klar: heute sollte es losgehen, denn sonst würde er am nächsten Tag wieder abreisen. Nach dem Frühstückt backten meine Bonustochter und ich einen Kuchen für Pünktchen und unsere Mitbewohnerin, die Geburtstag hatte und gerade verreist war. Wir flüsterten Pünktchen gut zu und hofften, sie oder er würde von dem leckeren Geruch angelockt werden und tatsächlich bekam ich im Laufe des Tages leichte Wellen.

Ich hatte vorher schon immer mal wieder hier und da einige Wellen gehabt. Mein Partner und ich hatten dann noch einen Termin im Geburtshaus zur Geburtsvorbereitenden Akupunktur und gingen danach zu unserem Lieblingsitaliener, der genau daneben lag. Als wir dann zuhause waren, war ich deutlich geschaffter als sonst und nach einem Stück des Geburtstagskuchens hatte ich das Gefühl, mich zurück ziehen zu wollen.

Ich legte mich ins Bett und da es ohnehin Zeit war, der großen Schwester vorzulesen, kuschelten sich alle zusammen ins Bett. Ich atmete ruhig und merkte, dass sich die Wellen immer mehr ausbreiteten. Als wir uns Gute Nacht sagten und meine Bonustochter und ihre Mama nach nebenan zum Schlafen gingen, wussten wir, dass wir uns das nächste mal mit Pünktchen sehen würden.

In dieser Nacht fuhren wir ins Geburtshaus, die Wellen waren immer schneller gekommen. Dort angekommen, ging ich in die Badewanne und mein Partner hielt abwechselnd meine Hand und machte Musik. Unser Traumszenario war wahr geworden. Irgendwann wurden die Wellen wieder unregelmäßiger und am morgen fragte uns die betreuende Hebamme, ob wir noch einmal nach Hause wollten. Ich fühlte mich aber so geborgen, und genoss, dass mein Partner und ich soviel Ruhe zu zwei hatten, dass ich bleiben wollte.

Der Tag verging weiter mit unregelmäßigen, aber nicht aufhörenden Wellen und langsam fühlte ich mich schwächer. Ich hatte mich ziemlich viel übergeben und konnte nichts drinnen behalten. Ich hörte immer wieder die Hypnose für die Eröffnungsphase, ging Baden und mein Partner massierte mich. Trotzdem bekam ich die (rückblickend irrationale) Sorge, dass ich vielleicht zu lange das Geburtszimmer beanspruchte und die Hebammen uns doch irgendwann heimschicken würden.

Am Abend gab mein Partner mir Schokolade und das war das einzige, was ich behielt. Die Nacht ging so weiter. Es wurde immer schwerer, an meinen inneren Ort zu reisen, da ich mich immer schwächer fühlte und ich fing an, mental abzubauen.

Am nächsten Morgen kam eine neue Hebamme, die uns die Möglichkeit vorschlug, ins Krankenhaus zu wechseln um ein Schmerzmittel zu bekommen, damit ich mal wieder etwas schlafen könnte. Wir lehnten vorerst ab.

Gegen Mittag kam eine andere Familie ins Nebenzimmer und wir konnten hören, als das Baby da war. Ich kam in einen Tunnel, hörte immer wieder die Hypnose und mein Partner musste mir ständig den unteren Rücken drücken. Ich kam ganz durcheinander mit dem Tens-Gerät und manchmal, wenn eine Welle kam und ich es an drücken wollte, ging es aus, weil ich es bei der letzten vergessen hatte, auszudrücken.

Das frustrierte mich und außerdem merkte ich, dass ich extrem erschöpft war und ich immer pessimistischer wurde. Ich konnte gar nicht mehr an mein Baby denken und dass ich es bald sehen würde, sondern nur daran, wie erschöpft ich war und einfach kaum mehr Kraft hatte. Mein Partner war auch sehr ruhig geworden und hatte auch keine Energie mehr übrig, die er mir leihen konnte.

Ich fühlte mich sehr verloren und ich musste an Kristins Worte denken, dass eine Gebärende nichts beweisen oder leisten muss, das sie niemandem etwas recht machen musste und Hilfe annehmen konnte, wenn immer sie gebraucht war.

Als ich gegen 18 Uhr verkündete, ich wolle ins Krankenhaus und eine PDA haben, um mich etwas zu erholen, waren mein Partner und die Hebamme dann doch etwas überrascht, da sie beide fanden, dass ich doch so gut im Flow war. Das fand ich zwar auch, machte mir aber Sorgen, da ich nicht wusste, wie lange die Geburt noch gehen würde und ich doch dringend mal essen und schlafen musste.

Entgegen der Angst meines Partners vor dem Krankenhaus und der aufmunternden Haltung der Hebamme, entschied ich, dass wir sofort gehen würden. Die zehnminütige Fahrt war und die 100 Meter, die ich in den Kreißsaal laufen musste, waren das anstrengendste, was ich in meinem Leben getan habe, doch ich, in meinem roten Geburtskleid, verheddert in den Kabeln des Tens-Geräts, zerzausten Haaren und Schlafmaske auf den Augen, fühlte mich, als würde ich den Walk of Fame zu meinem eigenen Stern laufen. Ich fühlte mich so stark, wie noch nie und dachte, ich kann alles in meinem Leben schaffen. Ich war so froh, selbst eine Entscheidung getroffen zu haben.

Im Kreißsaal kamen gleich zwei „typische“ Krankenhaus-Hebammen in Cheerleader Manier: “So, jetzt wollen wir mal das Kindchen auf die Welt bringen,“ was mir zusätzlich Mut gab. Die Ärztin kam auch und hörte, dass ich ein Schmerzmittel wollte. Sie bereite alles vor, aber ich musste permanent auf die Toilette und kurz bevor sie mir dann das Mittel anschließen wollte, sagte sie mir, dass sie doch noch bitte eine Muttermundsuntersuchung machen wollte.

Ich stimmte aus irgendeiner Intuition zu. (Mein Partner erzählte mir später, die Ärztin und die Hebammen hätten bei meinen ständigen Toilettengängen sich schon öfter verstohlen angeguckt und auch ihm mit den Augen signalisiert: Hier gibt es keine Pause mehr, wir sind schon mittendrin.) Mein Muttermund war vollständig eröffnet und es kamen bereits die presswehen.

Als sie mir sagten, dass unser Baby jetzt wirklich komme, war alle Angst verflogen und ich freute mich nur noch darauf. Ich war tief abgetaucht und mir war plötzlich alles egal, gleich würde ich mein Baby in den Armen halten. Die Fruchtblase platzte. Das Fruchtwasser war leicht grün, ein paar schlechte Herztöne und die Tatsache, dass das Köpfchen immer wieder zurückrutschte, rief eine zweite Ärztin auf den Plan, die gleich die Saugglocke herbeirief.

Ich war so in meinem Flow, dass ich gar nicht viel darüber nachdachte, es ging alles sehr schnell und nach zwei weiteren Presswehen war unser Pünktchen um 19.37 Uhr da. Es ging dem Baby sehr gut und es kam direkt auf meine Brust. Es war ganz ruhig und entspannt und es blinzelte mit seinen Äuglein, um zu sehen, wo es gelandet war. Es blinzelte ein paar Mal und dann schaute unser Kind uns richtig mit wachen Augen an.

Ich konnte nichts anderes sagen als Hallo! Hallo! Hallo, mein kleiner Schatz. Wir waren überglücklich und durften ein paar Stunden später das Krankenhaus verlassen. Wir konnten also noch in unserem eigenen Bett schlafen und am nächsten Morgen mit der großen Schwester und ihrer Mama unser Pünktchen kennen lernen.

Ich muss sagen, dass für meinen Partner die Krankenhausphase nicht so einfach war wie für mich, da er alles von außen betrachtete, viel mehr „mitbekam“ und sich unfähig fühlte, meine Wünsche - eigentlich gar nicht ins Krankenhaus zu gehen und keine Saugglocke - durchzusetzen. Ich war schon froh, dass es im Krankenhaus alles schnell gegangen war.

Jetzt wo ich darüber nachdenken kann, denke ich, dass die Saugglocke unnötig gewesen war, aber ich bin niemandem böse, denn sie wollten uns helfen und das haben sie am Ende ja auch. Er war verunsichert, da alles so anders gekommen war, wollte er mir doch eine selbstbestimmte Geburt ermöglichen. Alles in allem, war sie das für mich aber auch gewesen, denn ich hatte es geschafft, dem Leben zu vertrauen und unser Pünktchen und ich waren ganz und gar gesund. Es brauchte noch ein paar Gespräche zwischen mir und meinem Partner, um das gemeinsam Erlebte, aber doch unterschiedlich Wahrgenommene zu verarbeiten und verstehen.

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Journalistin
Nora Imlau22.09.2019
Hebamme
Nina