Erfahrungsbericht
von Julia

Freitag (39 + 0) Abend habe ich das Gefühl, dass sich der Schleimpfropf zu lösen anfängt - ich google, wie lange das noch dauert - bis zu 2 Wochen - great, soweit hätte ich das auch einschätzen können.

Samstag (39 +1) Vormittag habe ich eindeutig eine Zeichnungsblutung und deutlich Schleim - ich bin ganz aufgeregt. Wir sind auf einer Hochzeit eines Arbeitskollegen eingeladen, ich fühle mich großartig, also gehen wir hin. Ich bin den ganzen Nachmittag in Bewegung und freue mich, meine Kolleg:innen wieder zu sehen. Jedes Mal, wenn ich aufs Klo gehe (das ist oft), bin ich auch ganz aufgeregt über den leicht blutigen Schleim.

Am frühen Abend sind wir wieder zu Hause, mein Mann fährt noch zu Freunden, ich mache es mir auf der Couch gemütlich. Mein letzter Abend ganz für mich alleine für einige Zeit, denk ich mir. Ich merke, es tut sich was, der Ausfluss wird ganz dünnflüssig und nicht mehr blutig. Ich höre die Hypnose "Abschied von der Schwangerschaft" und "Geburtsbeginn mental fördern".

Da ich unsicher bin, ob ich nicht einen oberen Blasensprung habe, rufe ich im Krankenhaus an, die Hebamme am Telefon meint, das kann man nur sagen, wenn man tatsächlich eine Probe nimmt. Mein Mann ist immer noch nicht zu Hause - ich bitte ihn, am Heimweg aus der Apotheke einen Fruchtwassertest mitzunehmen.

Er kommt gegen 1 nach Hause - in der Apotheke haben sie den Test nicht lagernd und außerdem wäre der ungenau und man braucht mehr als ein paar Tropfen vermeintliches Fruchtwasser. Wir beschließen zu schlafen, weil mitten in der Nacht ohne Wehen wegen ein bisschen Fruchtwasser ins KH zu fahren, hört sich auch nicht sinnvoll an.

Sonntag (39 + 2) um 4 werde ich wach - ich habe Wehen. Ich freue mich wie ein Honigkuchenpferd. Ich gehe ins Wohnzimmer und gebe meine Kopfhörer rein. Nach 2 Stunden sind sie alle 5 Minuten, während der Welle bin ich ganz bei mir, es ist auszuhalten, ich freue mich, dass die Hypnose so gut hilft.

Jetzt möchte ich doch ins Krankenhaus. Wir rufen den Krankenwagen, die Sanitäter sind der Meinung, es wäre noch nicht so weit - dafür geht es mir zu gut, aber sie müssen mich jetzt sowieso mitnehmen. Finde ich mega demotivierend, ich war mir sicher, dass ich einfach so gut in meiner Hypnose bin.

Die Hebamme im Krankenhaus erinnert sich, dass wir gegen Mitternacht telefoniert haben. Sie untersucht mich und hängt mich ans CTG. Mein Gebärmutterhals ist noch nicht verstrichen, Mumu ist 1 cm offen. Das CTG erkennt Wellen, aber nicht so starke. Sie schickt uns nach Hause, wir sollen wieder kommen, wenn ich alle 5 min starke Wellen habe. Was sind starke Wellen? Ich war so stolz, dass ich das durch die Hypnose so gut verarbeiten kann.

Im Taxi nach Hause mit leerem Maxi-Cosi verlässt mich der Mut. Auch die Wellen werden weniger und haben wieder lange Abstände. Zu Hause gehen wir spazieren und kuscheln auf der Couch. Wir montieren die fehlenden Griffe am neuen Schrank im Kinderzimmer. Die Wellen sind kaum spürbar, unregelmäßig. Wir gehen früh schlafen, es war ein langer Tag und wer weiß, wie lange wir schlafen können.

Montag (39 + 3) gegen 4:30 werde ich wieder wach. Eine Welle, ich veratme und döse wieder ein, 20 min später die nächste. Nach einiger Zeit gehe ich ins Wohnzimmer, Kopfhörer rein, wir kennen das schon. Die Wellen sind alle 20 Minuten, mit der Zeit alle 15, dann 10 Minuten. So verbringe ich den Vormittag zwischen Wohnzimmerboden und Bett. Immer wieder döse ich dazwischen.

Gegen Mittag nerven mich die Hypnosen und sowieso alles. In den Wellenpausen beschäftige ich mich anders, plaudere mit meinem Mann. Auf das Mittagessen, dass er gekocht hat, habe ich keine Lust. Ich sage meine Termine ab, die ich für die Woche geplant habe. Prompt ruft meine Mutter zurück, und fragt, ob sie vorbei kommen soll. Während dem Telefonat habe ich Wellen, die ich ruhig veratme. Sie meint, das dauert noch, so wie ich mich anhöre.

Langsam zweifle ich an den Hypnosen und an mir. Vielleicht dauert es einfach tatsächlich noch ewig (Jede Geburt ist irgendwann vorbei, hat eine Hebamme mir mal gesagt, stimmt das wirklich?) Vielleicht bin ich doch einfach einem großen Online-Schwindel aufgesessen und das funktioniert gar nicht? Vielleicht kann ich es auch einfach nicht richtig, habe zu wenig geübt? Mein Mann nimmt mich in den Arm, sagt mir, dass ich das ganz toll mache und erinnert mich, wie gut mir die Hypnosen in der Schwangerschaft getan haben.

Er lässt mir ein Bad ein. Ich habe keine Lust darauf und meine, das brauche ich nicht. Ich gehe dann doch. Das warme Wasser wirkt wunder - ich bin mehr bei mir. Die Wellen sind besser auszuhalten, und mittlerweile alle 5 Minuten. Er schreibt mit. Nach einer Stunde will ich aus der Wanne und ins Krankenhaus. Wir sind beide vorsichtig, und wollen nicht wieder zurück geschickt werden.

Ich verbringe die nächste Stunde oder so im Bett ohne Hypnose in den Ohren, ohne meinen sicheren Ort konkret zu sehen, aber doch ganz bei mir und friedlich. Es wird dunkel, ich will ins Krankenhaus. Mein Mann meint, er hat sich gerade ein Brot hergerichtet. Ich bestehe darauf, dass ich jetzt los will und er ruft wieder den Krankenwagen. Wir fahren mit Blaulicht durch den Wiener Berufsverkehr, im Krankenwagen habe ich die Hypnosen wieder an.

Im Krankenhaus angekommen, versichert mir die Hebamme, dass wir bleiben dürfen. Ich bin bei 6-7 cm. Es war gerade Schichtwechsel (19 Uhr), sie sagt auch, dass sie sich relativ sicher ist, dass das Baby in ihrer Schicht kommen wird (das sind immerhin 12 Stunden, aber freut mich trotzdem enorm). Im Kreiszimmer lässt sie mir die Badewanne ein, ich habe die Kopfhörer drin, bin ganz bei mir. Zwei Mal übergebe ich mich, aber das ist mir ziemlich egal, es bringt mich kaum raus.

Die Hebamme zeigt mir, dass ich die Fruchtblase tasten kann, ich bin 9cm offen. Das ist ein unglaubliches Gefühl. Irgendwann platzt die Fruchtblase im Wasser, jetzt merke ich den Druck stärker. Es ist noch nicht mal 21 Uhr - ich glaube, ich halte das alles nicht mehr aus. Ich frage nach einer PDA. Sie meint, das ist möglich, aber sie wird nicht gegen das Druckgefühl helfen. Für die PDA brauche ich eine Infusion mit Flüssigkeit, sie gibt etwas Paracetamol dazu, vielleicht hilft das ja. Naja, ich bezweifle, dass irgendwas hilft.

Als der halbe Liter durch ist, gehen wir nochmal aufs Klo, das kann ich mit PDA nicht mehr und ich habe das Gefühl, dass ich dringend meinen Darm leeren will. Am Klo ist nichts - wir gehen zurück, ich will nicht mehr ins Wasser, sondern setze mich aufs Bett. Die Hebamme untersucht mich und meint, sie könne jetzt schon wie versprochen die Anästhesistin rufen, aber ich bin vollständig eröffnet und darf pressen, wenn ich das spüre. Ich presse, ich warte sicher auf niemanden mehr. Ich habe eine unglaubliche Kraft.

Mittlerweile ist eine zweite Hebamme da, sie leiten mich an, ich knie im Vierfüßler am Bett. Man sieht das Köpfchen ein bisschen. Sie sagt mir, dass sie bei der nächsten Welle 'Stopp' ruft (wenn der Kopf geboren ist), dann soll ich hecheln, damit wir das Gewebe schonen. Die nächste Welle kommt. Ich presse, und presse. Ich bekomme nichts um mich herum mit und denke nur an mein Baby.

Ich merke, dass es jetzt raus will. Es purzelt in einem Rutsch raus. Ich merke richtig, wie der Bauch leer ist, wie alles durchgerutscht ist, Mit einem Schlag ist es ruhig in mir. Der Druck, der Schmerz, alles weg. Es ist da, mein Baby. Mein wunderschönes, perfektes Baby. Ich höre jemanden 22:02 sagen. Mein Mann erzählt später, dass alle drei gerufen haben, die Hebamme hat auf den Tisch geklopft und Lärm gemacht, er hat sogar vor meinem Gesicht gehechelt. Ich habe nichts mitbekommen.

Mein Baby liegt auf meiner Brust, die Plazenta kommt. Nach einiger Zeit durchtrennt mein Mann die Nabelschnur. Wir schauen den Kleinen an und einigen uns auf den Namen. Ich bekomme etwas zu essen, mein Mann isst sein Käsebrot, dass er mitgenommen hat. Irgendwann kommt eine Ärztin und näht mich (der Riss war nur bei den Labien, und die Naht nur aus kosmetischen Gründen notwendig).

Die Hebamme entschuldigt sich bei mir, dass sie die PDA so ein bisschen rausgezögert hat - aber das kam mir tatsächlich gar nicht so vor - weil sie wusste, ich bin in der Übergangsphase. Sie ist außerdem beeindruckt, wie ruhig der Kleine ist und wie entspannt wir während der Geburt waren. Die Zeit steht still, wir machen Fotos und geben den Eltern Bescheid.

Eigentlich wollte ich direkt nach der Geburt nach Hause, aber es ist fast 2 Uhr morgens, bis wir das Kreiszimmer verlassen. Ich bleibe über Nacht auf der Station, es ist eine schlaflose Nacht, ich bin so aufgeregt. Im Endeffekt glaub ich, dass der Kurs und Hypnose enorm geholfen hat, aber anders als erwartet. Ich habe keine Anker gebraucht / verwendet, ich habe meinen geübten, sicheren Ort nicht gesehen (nur ganz am Anfang als es los ging), und nur phasenweise die Hypnosen gehört.

Aber im Nachhinein war ich die ganze Zeit in Hypnose, bzw. bin rein und raus, ganz natürlich. Ich konnte mich der Situation komplett hingeben, ich hatte keinerlei Bedürfnis, alles zu regeln, ich habe die Kontrolle komplett an den Elefanten abgegeben und die Maus war relativ still. Ich hatte ehrlicherweise tatsächlich bis zum Schluss die leise Hoffnung auf eine schmerzfreie Geburt, obwohl ich wusste, dass es unwahrscheinlich ist und auch nicht das Ziel.

In der Sekunde, als das Baby da war, konnte ich mich an keine Schmerzen erinnern, in meiner Erinnerung ist die Geburt schmerzfrei. Aber ich weiß, dass ich nach einer PDA gefragt habe und ich zu Hause kurz so enttäuscht war, dass die Atmung nicht funktioniert und ich das alles nicht kann. Aber ich konnte mich relativ schnell wieder fangen und den Fokus neu finden und in meine Atmung mit deutlichem Tönen finden.

Das Wissen aus dem Kurs und dem Podcast, sowie die vielen Geburtsberichte, die ich gelesen habe, haben mir geholfen, meinen Weg zu finden. Ein paar Tage später telefoniere ich mit meiner besten Freundin, mir kommen die Tränen, auch wegen der schönen Geburt, aber eigentlich weil ich genau dieses Gespräch visualisiert hatte bei meiner Traumgeburt. Es war genau die Geburt, wie ich sie mir vorgestellt hatte, nicht in jedem Detail, aber das Gefühl war genau so.

Dankeschön!

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Journalistin
Nora Imlau22.09.2019
Hebamme
Nina