Erfahrungsbericht
von L.
Den ganzen Tag war schon irgendwas anders. Der Bauch wurde deutlich häufiger als sonst hart und das fühlte sich auch etwas anders an.
„Vielleicht Senkwehen? Na ja, was auch immer, irgendwie komisch heute!“, sagte ich zu meinem Partner. Der Tag war trubelig – vormittags Akupunktur und eine Verabredung, nachmittags den Großen aus der Kita geholt und noch ein Kindergartenfreund zu Besuch, abends Badewanne, Kind ins Bett bringen, dann Entspannung vorm Fernseher auf der Couch – ungefähr 20 Minuten, dann war irgendwas feucht in der Hose.
Auf der Toilette, ca. 21 Uhr, sah ich dann helles Blut, keine wahnsinnig große Menge, aber ich machte mir doch Sorgen und rief im Kreißsaal an. Ich sollte mich dort vorstellen und eine Tasche mitbringen, falls sie mich dort behalten würden. Ich habe immer noch nicht damit gerechnet, dass das der Geburtsbeginn ist. Wir haben also den Onkel zur Betreuung unseres Großen herbeigerufen und sind losgefahren.
Auf dem Weg zur Klinik verlor ich dann einen großen Schwall Fruchtwasser – jetzt war alles klar, heute geht es los, SSW 37.0. Ich war ziemlich aufgeregt und hörte die Hypnose „Überraschender Geburtsbeginn“, was mich wieder zur Ruhe brachte. In der Klinik wurde zuerst ein CTG geschrieben. Das dauerte ziemlich lange, zuerst auf der rechten, dann auf der linken Seite, da sie zunächst nicht ganz zufrieden damit waren. Ich spürte die ersten Wehen, übte die Visualisierung und Atmung, die ich für mich dann im Verlauf etwas abwandelte. Parallel die Hypnosen „Überraschender Geburtsbeginn“, „Geburtsbeginn mental fördern“ und die positiven Affirmationen.
Ich wurde gefragt, ob ich da bleiben oder wieder nachhause fahren möchte. Ich war nicht ganz sicher – zuhause wäre es für meinen Großen schwierig, wenn er wach wird, zu wissen, dass Mama da ist und sich trotzdem nicht um ihn kümmern kann. Trotzdem könnte es ja noch ewig dauern und ich könnte mich dort sicher besser entspannen. Ich entschied mich, nochmal nachhause zu fahren (meinem Partner wäre es in dem Moment wohl lieber gewesen, ich wäre dort geblieben), ich hatte den Geburtsbeginn immer zuhause in meinem Zimmer visualisiert und es war nur ein Fahrtweg von 15 Minuten.
Ein Arzt machte danach noch einen Ultraschall. Sein Kommentar zum CTG: „ So richtig Wehen sind ja noch nicht zu sehen, hier sehe ich nur eine“. Komisch, da hab ich doch schon mehr gefühlt, dachte ich mir. Wir wurden „ganz entspannt“ für den Folgetag morgens um 9 Uhr wieder einbestellt. „Danach können Sie dann auch noch in Ruhe was frühstücken gehen hier in der Nähe.“
Wir fuhren also wieder nachhause. Ich legte mich ins Bett, dachte vielleicht kann ich noch etwas schlafen, etwas Kraft schöpfen für was auch immer bevorsteht. Aber die Wehen waren ziemlich häufig und liegen war dabei definitiv nicht meine bevorzugte Position. Ich machte mir meine Salzkristallschale an und ging zu jeder Wehe vor dem Bett in die Hocke, atmete, visualisierte, entspannte wieder. Ich hatte dabei keinerlei Schmerzen, aber es war schon ein sehr, sehr unangenehmes Gefühl. Inzwischen hatte ich von „Geburtsbeginn mental fördern“ zu „Eröffnungsphase“ gewechselt.
Ich hatte das Gefühl, dass die Wehen sehr häufig waren und lud mir einen Wehentracker runter. Die Wehen kamen alle 3 Minuten. Da ich sie aber überhaupt nicht als schmerzhaft empfand und in der Klinik ja auch alle total entspannt gewesen waren, im CTG dort auch noch kaum Wehentätigkeit zu sehen war, obwohl ich selbst da schon welche wahrgenommen hatte, und wir erst am Folgetag wieder einbestellt wurden, dachte ich mir irgendwie, das kann noch nichts „Richtiges“ sein, wenn wir jetzt losfahren, hat sich am Muttermund bestimmt noch überhaupt nichts getan.
Nachdem die App aber ungefähr das 7. Mal in rot anzeigte „Fahren Sie jetzt in die Klinik“, die Wehen unter 3 Minuten kamen und wir ja unsere Kinderbetreuung wieder herbeirufen mussten, hab ich mich dann doch entschlossen, jetzt mal alles zum Losfahren in die Wege zu leiten. Es war inzwischen 1:30, meinen Partner holte ich aus dem Tiefschlaf, er rief den Onkel unseres Großen an, der auch relativ schnell kam und ich rief in der Klinik an und verkündete, dass wir uns doch jetzt schon wieder auf den Weg machen. Auf dem Weg zum Auto und dann vom Auto in die Klinik musste ich mich immer wieder hinhocken und atmen, visualisieren. Es war schweinekalt, ich hatte mich zu dünn angezogen und bekam Schüttelfrost.
In der Klinik angekommen, empfing uns gleich die Hebamme, sah mich und meinte „Na dann gehen wir mal gleich in den Kreißsaal, würde ich sagen.“ Sie wählte für uns den noch relativ neuen Be-up-Kreißsaal, da von dort Zugang zu einer Geburtswanne bestand und ich im Vorgespräch gesagt hatte, dass ich mir das gut vorstellen könnte. Ich hatte da auch schon erwähnt, dass ich Kopfhörer anhaben werde und wurde direkt gefragt, ob ich Hypnobirthing mache, was ich dann auch bejaht habe.
Also sagte ich meiner Hebamme nun auch nochmal, dass ich mich mit der „Friedlichen Geburt“ vorbereitet habe, Kopfhörer trage und aber jederzeit ansprechbar und für ihre Tipps offen bin. Sie reagierte total offen und meinte: „Wenn du möchtest, können wir das hier im Kreißsaal auch laut anmachen“. Zu dem Zeitpunkt zog ich aber die Kopfhörer vor. Sie legte ein mobiles CTG an, weil sie sah, dass ich mich unbedingt bewegen/bei den Wehen hocken musste. Zwischen den Wehen habe ich mich immer hingestellt und bin dann zu den Wehen in die Hocke gegangen, wobei ich so halb über einer Art Schaumstoffwürfel hing und mein Partner sich immer auf der anderen Seite als Gegengewicht darauf stemmen musste (Das hatte die Hebamme ihm aufgetragen, ich hab das gar nicht mitbekommen).
Ich war pitschnass geschwitzt und verlangte nach jeder Wehe „Wasser!“. Relativ schnell meinte sie: „Ich merke, dass da schon einiges an Druck dahinter ist, ich würde gerne mal deinen Muttermund tasten, wenn das für dich ok ist.“. Gesagt, getan und oh Wunder: Er war schon bei „weichen“ 7 cm, was mich ziemlich zuversichtlich stimmte. Allerdings hatte ich schon einen ziemlichen Pressdrang, den ich irgendwie unterdrücken musste, bis der Muttermund vollständig geöffnet war. Ich hatte keinen Plan, wie das gehen sollte und war deshalb in dem Moment etwas verzweifelt.
Die Hebamme bot mir Lachgas an, aber ich entgegnete „Ich brauch kein Lachgas, ich habe überhaupt keine Schmerzen, ich weiß nur nicht, wie ich NICHT pressen soll!“. Sie zeigte mir verschiedene Atemtechniken, die ich sehr intensiv versuchte, umzusetzen, klappte auch ganz gut. Wenig später fühlte sie nochmal – Muttermund immer noch da. Nochmal ein paar Wehen später, nochmal fühlen – Halleluja, vollständig offen, ich durfte pressen. Meine Hebamme fragte mich, ob ich mal versuchen möchte, mich ins Seil zu hängen, was ich dann auch tat, relativ schnell aber wieder in die vorherige Position zurückkehrte.
Allerdings empfahl sie mir dann den Vierfüßler, damit es für mich weniger anstrengend ist, als das ständige Hinhocken und wieder Aufstehen. Damit kam ich auch gut klar. Ein paar Presswehen später schmiss ich die Kopfhörer immer noch mit der „Eröffnungsphase“ meinem Partner entgegen und wünschte mir die „Austrittsphase“ laut auf den Boxen. Konnte die Hypnose dann aber weil ich selbst so laut war, gar nicht hören und irgendwann hat sie irgendwer ausgemacht, habe sie aber auch gar nicht mehr gebraucht.
Meine Hebamme war wundervoll. Sie hat mich immer wieder so motiviert, immer wieder betont, wie toll ich das mache und dass sie mit jeder Wehe einen Fortschritt sieht. Das war genau das, was ich gebraucht habe, denn ich selbst habe zunächst überhaupt nicht gespürt, dass irgendwas vorwärts geht, was mich etwas frustriert hat. „Ich weiß doch nicht, wie das geht“ meinte ich irgendwann, (vielleicht auch mehrmals) und sie „Doch, du weißt das, dein Körper weiß das!“
Dann kam der Kopf und sie fragte mich, ob ich ihn tasten möchte. Ja, aber einfacher gesagt als getan. Ich spürte dieses weiche, flauschige Etwas, was sich so gar nicht anfühlte wie ein Kopf und bekam sofort einen Krampf im Arm, war also nur ein ganz kurzes Vergnügen. Und immer wieder rutschte der Kopf wieder zurück. „Warum geht der blöde Kopf immer wieder zurück?“ – „Das macht sie ganz super, sie schützt deinen Damm! Aber du darfst ruhig auch mal schimpfen!“ (In der Theorie wusste ich das natürlich auch selbst, aber in dem Moment dachte ich mir nur, kann diesen Kopf jetzt bitte einfach mal jemand rausziehen???)
Sie empfahl mir, ein Bein hochzustellen, um mehr Weite zu haben und meinte mit Blick auf das CTG: „Dein Kind ist von alldem völlig unbeeindruckt!“ Dann sagte sie: „Da kommt jetzt ein Punkt, da denkst du, es geht nicht weiter, da musst du drüber gehen!“ Oh ja, das brannte ordentlich und das war der einzige Moment, während der gesamten Geburt, den ich wirklich als schmerzhaft erlebt habe und zu dem ich während dieser einzigen Wehe nur „Aua, aua, aua“ schrie.
Im Nachhinein weiß ich, das war der Moment des Dammrisses. Dann hing der Kopf raus und fing schon an, zu meckern. Mit der nächsten Wehe kam der restliche Körper und mein Baby plumpste um 3:46 Uhr aus dem Vierfüßler auf die Matte unter mir. Ich nahm sie sofort auf den Arm. Was für ein wunderbares Gefühl, dieses kleine, glitschige, zerbrechliche Etwas in den Armen zu halten. Mein Freund setzte sich hinter mich und ich lehnte an ihm.
Nach einiger Zeit meinte die Hebamme, die Nabelschnur sei jetzt auspulsiert und fragte, ob ich sie durchschneiden möchte, was ich dann auch getan habe. Dann tastete sie am Bauch nach der Plazenta, die sich bereits gelöst hatte und bat mich, nochmal zu pressen. Das ging ganz einfach und dann schaute sie sie sich mit uns gemeinsam an und erklärte ihren Aufbau. Ich bin unglaublich dankbar für diese wunderbare, kraftvolle, interventionsarme, selbstbestimmte und nach meiner ersten Geburt (Sectio bei Frühchen in BEL und nicht vollständig betäubt und deshalb unter Ketamin – da verweise ich mal auf die Podcast-Folge 322, die es zu diesem Zeitpunkt aber leider noch nicht gab) sehr heilsame Geburtserfahrung.
Danke liebe Kristin und liebes Team der Friedlichen Geburt für eure wertvolle Arbeit, die mich nun schon seit fast 5 Jahren durch zwei Schwangerschaften, eine Geburt und auch durch den Alltag begleitet.

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