Erfahrungsbericht
von Lisa

Triggerwarnung: Geburtsbericht einer stillen Geburt!

Liebe Kristin, ich schreibe diese Zeilen am Tag nach der stillen Geburt meiner Tochter Calea.

Calea kam in der 21. Schwangerschaftswoche auf die Welt. Es war meine dritte Geburt mit der Friedlichen Geburt und, wäre Calea lebend zur Welt gekommen, würde ich sie als absolute Traumgeburt bezeichnen. Ich möchte hier gern davon berichten, um anderen Frauen Mut zu machen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden.

Ich hatte in den Tagen vor der Geburt Schwierigkeiten, positive Geburtsberichte von stillen Geburten zu finden, selbst hier auf der Website war das Angebot sehr überschaubar.

Wir erfuhren an einem Freitagmorgen, dass Caleas Herz nicht mehr schlägt. Es sollte der Feinultraschall stattfinden, bei dem – wie schon in meinen beiden Schwangerschaften zuvor – natürlich herauskommen würde, dass alles in bester Ordnung war. So dachte ich. Ich hatte Calea an den beiden Tagen zuvor nicht mehr so deutlich gespürt wie sonst, aber ich hatte auch eine Vorderwandplazenta und war stark erkältet gewesen. Ich sorgte mich nicht, meine Schwangerschaften waren immer unkompliziert verlaufen.

Die Ärztin schallte nur sehr kurz, dann legte sie ihre Hand auf meine und sagte: „Es tut mir sehr Leid, das Herz ihres Babys schlägt nicht mehr.“ Es war, als würde jemand jegliche Luft aus dem Raum saugen, ich blickte panisch von der Ärztin zu meinem Mann, der zum Glück an meiner Seite war. Aber es gab keinen Zweifel. Calea war tot, gestorben in meinem Bauch.

In den nächsten Tagen versuchten wir zu verstehen, was das für uns bedeutete. Es waren die emotionalsten Tage meines bisherigen Lebens. Ich war unendlich traurig, dass Calea nicht mehr lebte und gleichzeitig unendlich dankbar, sie noch bei mir in meinem Bauch haben zu dürfen. Ich wusste, dass wir nur noch sehr kurz so verbunden sein würden und ich hatte große Angst vor dem Abschied.

Ich hörte die zwei Podcastfolgen der Friedlichen Geburt zu Sternenkindern, zum einen den Bericht einer Mutter über ihre Stille Geburt und zum anderen ein Gespräch mit einer betroffenen Hebamme, die inzwischen Rückbildungskurse für Sternenkindmütter anbietet. Beides half mir sehr, mir die Zeit zu nehmen, die ich brauchte und mich auf die Geburt einzulassen. Zum Glück wurde ich seit Beginn der Schwangerschaft von einer Beleghebamme begleitet, die auch jetzt für mich da war. Ich konnte sie jederzeit auf dem Handy erreichen, das war eine enorme Hilfe für mich.

Bei einem Vorgespräch einen Tag nach der Diagnose im Krankenhaus wurden wir sehr empathisch empfangen, die Hebammen und Ärztinnen drückten uns ihr Beileid aus und fragten uns nach unseren Wünschen für die Geburt. Sie vermittelten auch den Kontakt zu einer Seelsorgerin. Mir war zu dem Zeitpunkt am wichtigsten, dass unsere beiden älteren Kinder (3 und 1) während der Geburt gut versorgt sein würden, weil sie noch nie über Nacht ohne uns waren. Außerdem wollte ich mich von meiner Erkältung erholen, bevor es los ging. Schließlich entschieden wir, am Donnerstagmorgen für die Einleitung in die Klinik zu gehen. Meine Eltern würden sich um die Großen kümmern. 48 Stunden vor Beginn der Einleitung sollte ich eine erste Tablette einnehmen, Myfegine, die das Gewebe weich und dehnbar machen soll. Das war für mich ein extrem schwerer Schritt, weil ich das Gefühl hatte, die Geburt selbst in Gang zu setzen, die ich ja so gar nicht wollte.

Eine andere Sternenkindmutter hatte mir berichtet, dass es ihr sehr geholfen hatte, mit ihrem Baby zu sprechen - also probierte ich es aus. Bestimmt eine halbe Stunde lang berichtete ich Calea unter Tränen von meinen Gefühlen und meiner Liebe zu ihr. Danach war es, als hätte sich ein Knoten gelöst. Ich war bereit. Ich zündete eine Kerze an, kochte mir einen Tee und nahm die Tablette. Bei der Ankunft im Krankenhaus war schon mein Zimmer bereit. Ich durfte ein Einzelzimmer beziehen und hier die gesamte Zeit der Geburt verbringen. Für meinen Mann wurde noch ein zweites Bett organisiert. Da ich bereits zwei Mal per sekundärem Kaiserschnitt geboren hatte, leitete man bei mir mit einem Vaginalgel ein. Die Tastuntersuchung und die Gabe des Gels waren leider sehr schmerzhaft für mich und ich hoffte, dass es schnell wirken würde. Ich war müde und erschöpft und lag die meiste Zeit in meinem Bett. Gleichzeitig spürte ich, dass ich bereit war für diese Geburt. Ich hörte einige Stunden die Hypnose der Friedlichen Geburt zu stillen Geburten. Kristins Stimme tat mit gut, doch bis zum Nachmittag tat sich nichts, also gab es eine zweite Gabe des Gels. Wieder blieb alles ruhig und ich stellte mich schon darauf ein, eine lange Zeit im Krankenhaus zu verbringen – bei einigen Frauen zieht sich eine solche Einleitung über Tage, hatte man mir gesagt.

Am Abend fuhr mein Mann noch einmal nach Hause, um beim Insbettbringen der Kinder zu helfen. Wieder sprach ich mit Calea und bat sie unter Tränen, jetzt zu kommen. Ich machte mir Musik an, essen mochte ich nichts mehr, ich hatte keinen Appetit. Ich spürte mal hier und mal da ein Ziehen und war erstaunt, als der Schleimpfropf abging und es leicht blutete. Als mein Mann gegen 20:30 Uhr wieder bei mir ankam, wurde das Ziehen etwas deutlicher und ich fragte am Kreißsaal nach einem Tens-Gerät. Damit hatte ich schon bei den anderen Geburten (beide Einleitungen, beide mit mehr als 24 Stunden Wehen und schließlich Geburtsstillstand mit anschließendem Kaiserschnitt) gute Erfahrungen gemacht. Die Hebamme, die es mir ansetzte, war so positiv und freundlich, gleichzeitig saß ich in diesem Kreißsaal und konnte nur daran denken, dass ich mein Kind hier nicht auf den Wickeltisch legen würde, um ihm die erste Windel anzuziehen.

Ich legte mich wieder ins Bett und schaltete die Hypnose erneut ein. Kurze Zeit später sagte mein Mann unserer Beleghebamme Bescheid. Die Wehen, ich habe sie tatsächlich als Wellen empfunden, kamen nun schon sehr regelmäßig. Ich zählte nicht mit, vermute aber, dass ihr Abstand bei 2-3 Minuten lag. Ich lag aber so ruhig in meinem Bett, dass meine Hebamme erst einmal fragte, ob ich denn überhaupt schon etwas spüre und mein Mann antwortete, die Abstände der Wehen lägen bei ca 6-8 Minuten. Ich sagte dazu nichts, stimmte aber einer Tastuntersuchung zu. Der Muttermund war weich, komplett verstrichen und bei einem Zentimeter, was ich als Riesenerfolg wertete. Die nächsten Stunden arbeitete ich weiter, immer mit der Hypnose auf dem Ohr. Ich wechselte die Position, wenn es sich für mich gut anfühlte und veratmete die Wellen mit Kristins unglaublich hilfreicher Technik. Als meine Hebamme mir einen Paracetamoltropf anbot, nahm ich den dankend an. Zuvor hatte ich schon Ibuprofen eingenommen, weil ich unter der Geburt wieder Ohrenschmerzen bekommen hatte. Ich wollte den Tropf hauptsächlich deswegen, nicht für die Verarbeitung der Wellen. Als die Wellen intensiver wurden, ging ich in den Vierfüßler, dann wieder war es auf dem Rücken liegend am angenehmsten.

Irgendwann tastete meine Hebamme erneut, ich war bei 4 Zentimetern. An Schmerzen erinnere ich mich nicht, außer bei diesen Untersuchungen. Meine Hebamme bot mir nach der zweiten Tastuntersuchung eine PDA an, die ich auch bei den letzten Geburten bekommen hatte. Es würde dann schneller gehen, sagte sie. Ich fand aber die Wellen so gut aushaltbar, dass ich ablehnte. Schon vor der Geburt hatte ich einen Meptidtropf ausgeschlossen, weil ich die Geburt voll und ganz miterleben wollte. Und dann ging es gefühlt ganz schnell. Meine Fruchtblase platzte, die Wellen nahmen kurz ab. Aber dann hatte ich das Gefühl, aufs Klo zu müssen - das Baby schob sich in den Geburtskanal. Ich hatte das Gefühl eines so starken Drucks, dass ich zum ersten Mal während der Geburt die Wellen laut veratmete. Kurz darauf kam Calea zur Welt – mit den Füßen zuerst. Um ihren Kopf zu gebären, brauchte ich dann noch Unterstützung einer Ärztin und des Oberarztes, die mir Buscopan und Oxytocin verabreichten. Und dann war Calea da, um 4:04 Uhr, 220 Gramm schwer. Meine Hebamme legte sie vorsichtig auf ein Handtuch und dann auf meine Brust. Alle waren so einfühlsam und ich war so euphorisch nach dieser Geburt. Ich hatte damit gerechnet, Calea todtraurig im Arm zu halten, aber ich war einfach nur so stolz und glücklich in diesem Moment, es geschafft zu haben und nun mein Sternenmädchen in den Armen zu halten, dass ich kein einzige Träne weinte.

Vor der Geburt hatte man mich darauf vorbereitet, nun noch einmal in den OP zu müssen, um die Plazenta auszuschaben. In dieser Woche löse sie sich selten von allein, hatte man mir gesagt. Aber das Unglaubliche passierte: Die Plazenta löste sich im Ganzen und konnte wie eine normale Nachgeburt geboren werden, völlig komplikationslos. Ich durfte bei Calea bleiben und war plötzlich so müde, dass ich nur noch schlafen wollte. Wenige Stunden nach der Geburt war ich dann so erholt, dass wir alle nach Hause gehen durften. Ich konnte es kaum glauben, welch ein Unterschied zu meiner sonstigen Verfassung nach den Kaiserschnitten bestand. Ich war so froh und jetzt auch so traurig, Calea direkt mitnehmen zu dürfen. Mein Mann hatte einen kleinen Sarg aus Holz gebaut und ich hatte ihr eine leichte, weiche Decke gestrickt.

Zu Hause warteten unsere Kinder und die Großeltern auf uns. Alle empfingen Calea mit offenen Armen und noch am Vormittag kam eine Sternenkindfotografin vorbei, die unsere Liebe, Trauer und Müdigkeit auf wunderschönen Fotos einfing. Ich bin so dankbar für diese Erfahrung, es war eine traumhafte Geburt und das Ergebnis ist todtraurig. Dennoch glaube ich, dass jede Frau die Möglichkeit haben sollte, so gut vorbereitet wie möglich in diese ohnehin schwere Situation zu gehen. Auch eine stille Geburt darf schön und stärkend sein, und gleichzeitig unendlich traurig.

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Nora Imlau22.09.2019
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Nina