Erfahrungsbericht
von Marion

"Die Geburt, die ich gebraucht habe"

Ich liege im Wochenbett, noch immer durchströmt von Hormonen. Neben mir unser drittes kleines Wunder, das vor wenigen Tagen bei uns zu Hause zur Welt kam. Unsere Geburtsreise begann in gewisser Weise schon mit dem positiven Schwangerschaftstest unseres lange gewünschten Nachzüglerbabys.

Denn ich wusste, um dieses Kind zur Welt zu bringen, musste ich mich an die Aufarbeitung der ersten Geburten machen. Unsere zwei großen Kinder sind inzwischen 7 und 9 Jahre alt und ihre Geburten hätten unterschiedlicher nicht sein können. Kind eins kündigte sich mit vorzeitigem Blasensprung an und kam letztendlich nach ganzen 56 Stunden Geburtsarbeit im Kreissaal mit der Saugglocke zur Welt.

Interventionen, Übergriffigkeiten und Missachtung meiner Wünsche machten die Geburt für mich zu einem traumatischen Erlebnis mit der Folge einer Wochenbettdepression - was ich jedoch erst sehr viel später verstanden hatte.

Unser zweites Kind durfte dann zu Hause in der Badewanne geboren werden, begleitet von einer wundervollen jungen Hebamme. Ich hatte mich mit einem vom Geburtshaus angebotenen Hypnosekurs vorbereitet (so gut das schwanger, berufstätig und mit zweijährigem gefühlsstarken Stillkind eben ging) und hatte während der Geburt, welche diesmal mit circa zehn Stunden deutlich kürzer dauerte als die erste, meist ein gutes Gefühl und kam gut mit den Wellen klar.

Ich war die ganze Zeit sehr mit meinem Mann verbunden, die Eröffnungsphase war intim und romantisch. Was mich dann am Ende umgeworfen hat, war ein heftiger Wehensturm in der Übergangsphase, ich empfand mich plötzlich als der Situation völlig ausgeliefert, hatte starke Schmerzen, wand mich zappelnd wie ein Fisch in der Badewanne und wurde dann nach etwa eineinhalb Stunden erlöst von meinem Sohn, der gefühlt das Ruder in die Hand genommen, sich innerhalb von drei Presswehen durchs Becken geschraubt und sich wie auf einer Rutschbahn quasi selbst den Weg ins Leben gebahnt hatte.

Diese zweite Geburt hat mich in vielen Punkten mit meiner ersten Geburt versöhnt, doch das Gefühl der Ohnmacht in der letzten Phase habe ich seitdem immer mit mir herumgetragen. Ich wollte es nie wieder fühlen. Als ich dann sieben Jahre später wieder schwanger wurde, war mit dem Tag des positiven Testes direkt der Gedanke an die bevorstehende Geburt präsent.

Der Gedanke an einen Wunschkaiserschnitt schien mir auf einmal sehr verlockend zu sein. Das passt eigentlich so gar nicht zu meinem Mindset und doch erlaubte ich mir, diesem Gedanken erst einmal vorbehaltsfrei nachzugehen. Parallel dazu meldete ich mich aber auch wieder im Geburtshaus für eine Hausgeburt an - aufgrund von Umzug diesmal in einer anderen Stadt. In der frühen Schwangerschaft bin ich auch auf den Podcast die friedliche Geburt gestoßen.

Weil ich mich sowieso wieder mit Hypnose vorbereiten wollte, war ich sehr interessiert und habe glaube ich um die 20. Schwangerschaftswoche herum den Kurs gebucht. Kristins Stimme und Art sowie der strukturierte Aufbau des Kurses hat mir total entsprochen und ich habe schnell in eine tägliche Hypnoseroutine gefunden. Parallel dazu habe ich mich an die Aufarbeitung meiner ersten Geburt gemacht.

Auf Anregung meiner Hebamme habe ich mich nach 9 Jahren endlich dazu durchgerungen, den Geburtsbericht in der Klinik anzufordern, um ihn zunächst alleine und dann gemeinsam mit meiner Hebamme durchzugehen. Das war ein sehr verbindendes Gespräch, für das sie sich viel Zeit genommen hat.

Am Ende haben wir uns umarmt und es stand für mich fest: wenn also dieses Mal wieder eine Hausgeburt, dann wird sie die richtige Hebamme für mich sein. So ganz im Reinen war ich trotzdem noch nicht mit dieser ersten Geburt. Viel „hätte ich doch nur....“ und „wäre es doch nur so und so gelaufen...“ spukte weiterhin in meinem Kopf herum.

In Kristins Podcast habe ich dann das Interview mit Petra Hartmann gehört und dort zum ersten Mal erfahren, dass es leicht sein kann, ein Geburtstrauma aufzulösen. Also „gönnte“ ich mir dann auch noch eine Traumatherapie und es ist wirklich erstaunlich, dass ich seitdem in Frieden auf meine erste Geburt blicke und inzwischen sogar einige schöne Momente dabei aufploppen, die ich bislang vergessen zu haben schien.

Die Zeit bis zum Mutterschutz verbrachte ich mit regelmäßigem Üben der Hypnose, zunächst vor allem die Schwangerschaftshypnose und bei Bedarf auch mal Hypnosen aus dem allgemeinen Bereich. Auch die Anker fing ich bereits an, selbst zu setzen und auch die Ankersetzung mit Partner machten mein Mann und ich. Wir haben bereits beide Erfahrung mit Meditation und so konnte ich vor ihm sehr gut in Hypnose gehen, ohne mich irgendwie komisch oder beobachtet zu fühlen.

Je näher die Geburt rückte desto mehr kam mir diese jedoch wieder wie ein unüberwindbares Hindernis vor. Dazu kam, dass sich unser Baby bereits sehr früh tief im Becken eingestellt hatte und ich mit Vorwehen von der 34. bis zur 37. Woche viel gelegen habe. Da hatte ich dann vorsorglich schonmal meine Kliniktasche gepackt, immer auch mit dem Gedanken, dass für mich diesmal vom Gefühl her auch eine Klinikgeburt mit der Möglichkeit einer PDA denkbar wäre.

Aktiv dazu durchringen hätte ich mich jedoch auch nicht wollen also blieb ich dabei, dass mein Plan A die Hausgeburt sein sollte. Während dieser Phase hat mir die Hypnose zu den vorzeitigen Wellen gut getan und ich bin auch immer wieder in den Dialog mit dem ungeborenen Baby gegangen.

Außerdem waren die frühzeitigen Wellen Ansporn dafür, die Ankersetzungen mit Partner fertig zu machen. Als dann endlich der Tag der Rufbereitschaft meiner Hausgeburtshebamme erreicht war, wurde es zunächst auch wieder ruhiger mit den Vorwehen. Nur um dann etwa eine Woche vor Termin wieder an Fahrt aufzunehmen.

Mehrfach hatte ich in dieser Zeit abends über mehrere Stunden hinweg Kontraktionen und war mir sicher, dass es in der Nacht wirklich losgehen würde. Nur um jedes Mal morgens aufzuwachen und festzustellen, dass die Wellen wieder weg waren. Auch der Geburtspool kam dabei eines nachts - als ich wirklich sicher war, dass es losgeht - zum Einsatz. Doch auch in dieser Nacht hörten die Wellen dann irgendwann wieder auf.

In jener Nacht hörte ich das erste Mal die Hypnose während der Eröffnungsphase und es war ganz komisch, denn sie hat mich einfach nur genervt. Rückblickend weiß ich, dass ich damals noch nicht in der aktiven Phase der Geburt war, aber in dieser Nacht war ich sehr enttäuscht. Getröstet hat mich, dass ich inzwischen gelernt hatte mich auch ohne Kristins Stimme selbst herunterzuzählen.

Während diesen Tagen des Wartens - der ET war inzwischen verstrichen - weinte ich viel und die Geburt kam mir wieder wie ein riesengroßer Klotz vor mir vor. Ich war sehr aufgeregt und ängstlich, bangte vor allem ob ich die Übergangsphase diesmal besser erlebe und wollte letztlich, dass es endlich beginnt, weil ich mir dachte, es wird dann wie bei einer Prüfung sein, auf die man sich gut vorbereitet hat, trotzdem total Angst davor hat, aber sobald diese dann losgeht, man ganz im Moment sein und das Geübte abliefern kann.

Meine tolle und lieb gewonnene Geburtshebamme konnte mich glücklicherweise immer wieder etwas mental aufpäppeln, so dass ich am Tag vor der Geburt letztendlich in einer gewissen Ruhe angekommen war.

Am Tag der Geburt dann bin ich früh morgens um 3 Uhr aufgewacht. Ich spürte keine Wellen, nur so ein Gefühl, dass dies der Tag der Geburt werden könnte. Weil ich an dem Tag noch einen Termin zur Übertragungskontrolle bei meiner Frauenärztin hatte, war bereits abgemacht, dass unsere beiden großen Kinder nach der Schule mit zu einer befreundeten Familie nach Hause gehen.

Ab circa 5 Uhr morgens spürte ich dann Wellen. Anders als in den Tagen davor hatten sie größere und unregelmäßige Abstände, waren dafür von anderer „Qualität“. Ich begann zu dieser Zeit schon, die Bauchatmung während der Wellen auszuprobieren, konnte aber noch nicht sagen, ob sie mir helfen würde oder nicht. Ich nutzte das frühmorgens alleine wach sein, um für meine zwei großen Kinder ein besonderes Schulvesper zuzubereiten. Ich hatte im Gefühl, dass das nun vorerst das letzte Schulbrot sein würde, das ich für sie vorbereitete.

Meine Kinder spürten wohl auch, dass etwas in der Luft lag, denn beide steckten sicherheitshalber schonmal ihr jeweiliges Lieblingskuscheltier zum Übernachten bei unseren lieben Freunden in die Schultasche. Als dann Ruhe um mich herum eingekehrt war, ließen die Wellen wieder auf sich warten und ich machte einen kleinen Spaziergang. Mein Mann hätte mich begleitet, aber ich hatte das Bedürfnis, nochmal ganz alleine eine Runde zu drehen.

Wieder zu Hause nahm ich eine ausgiebige Dusche und mein Mann und ich schliefen miteinander - beides in der Hoffnung, die Geburt weiter anzustupsen. Bei meinem Sohn damals war das der „Zündfunke“, diesmal schien sich aber nicht großartig etwas zu tun. Wir spielten dann noch ein eher aufwändigeres Brettspiel, bei dem ich immer wieder die Augen schloss, um mit einer Welle mitzugehen.

Dazwischen lenkte es mich jedoch sehr gut vom „Warten auf die nächste Welle“ ab. Gegen halb elf telefonierte ich kurz mit meiner Hebamme und beriet mich mit ihr, ob ich den Arzttermin noch wahrnehmen sollte oder nicht. Die Fahrt hätte 60 Minuten gedauert, weshalb ich mich dagegen entschied.

Gegen zwölf war unser Spiel zu Ende - während ich versuchte, die Punkte zusammenzuzählen, was mir jedoch nicht mehr gelang, bereitete mein Mann im Wohnzimmer den Geburtspool vor und füllte ihn. Ein paar Wellen hintereinander mit kürzeren Abständen ließen mich dann plötzlich realisieren, dass dies wirklich Geburtswellen waren.

Ich schrieb meiner Hebamme und sie antwortete prompt, dass sie alle Termine für den Tag abgesagt hatte und nun entspannt darauf wartete, bis wir sie riefen. Sie war fest davon überzeugt, dass unsere Geburt diesmal sehr schnell gehen würde und da dies auch mein Wunsch war, hatte ich es mir wieder und wieder so visualisiert.

Entsprechend ungeduldig war ich nun während der Eröffnungsphase, da ich schon an den großen Abständen der Wellen merkte, dass es nicht auf eine flotte Geburt hinauslaufen würde. Das Gute daran war, dass ich jede Welle mit Hingabe begrüßen konnte und sie mir immer ein Lächeln aufs Gesicht zauberte. Ich wollte sie haben, weil ich wusste, dass nur so unser Kind endlich kommen würde.

Ich ging zunächst eine Weile in den Pool, das warme Wasser tat einfach gut. Gegen halb drei hielt es unsere Hebamme nicht mehr aus und kam in Absprache mit meinem Mann zu uns. Ich zog mich für eine ganze Weile ins Schlafzimmer zurück, machte mir schönes Licht und die Hypnose zur Eröffnungsphase an und genoss die immer intensiver werdenden Wellen.

Die Hebamme und mein Mann tuschelten leise im Wohnzimmer und spielten zwischendurch sogar eine Runde Karten. Ich hätte gedacht, dass es mich extrem stören würde, aber im Gegenteil war ich total entspannt zu wissen, dass sich die zwei gegenseitig etwas die Zeit vertrieben und ich in aller Ruhe und in meinem Tempo mit den Wellen gehen konnte.

Mein Mann kam regelmäßig wie abgesprochen mit Wasser, setzte den Duftanker und streichelte mich hin und wieder zärtlich. Wie bei meiner zweiten Geburt schon fühlten sich diese kleinen Interaktionen so verbunden und natürlich an, dass ich mich richtig fallen lassen konnte.

Gegen 17 Uhr wollte ich gerne, dass meine Hebamme den Muttermund tastete und er war bei etwa 4 Zentimeter. Das war einerseits eine gute Nachricht für mich, andererseits spürte sie auch, dass der Muttermund sich nicht zentriert hatte, sondern nach hinten verzogen und sie fragte, ob ich Lust hätte, ein paar Wellen seitlich liegend zu verbringen, damit sich der Druck auf den Muttermund legt und er sich wieder zentrieren könne.

Ich machte es etwas missmutig, aber spätestens ab diesem Zeitpunkt war ich so dankbar um die geübte Bauchatmung, die mir das Ruhigliegen ermöglichte, obwohl im Körper schon so viel passierte. Ich war trotzdem erst einmal etwas frustriert, zog mich zunächst mit Tränen in den Augen zurück und fragte später meine Hebamme, wo denn jetzt die versprochene schnelle Geburt bliebe.

Sie meinte nur gelassen, dass wir doch Zeit hätten. Immer mal wieder hörte sie die Herztöne meines Babys, holte sich davor aber immer durch kurzen Blickkontakt mein Einverständnis. Unerwarteterweise hatte ich nach einer Weile doch Lust auf ein bisschen Gesellschaft und legte mich zu meinem Geburtsteam ins Wohnzimmer.

Ich lauschte den Gesprächen, sagte ab und an auch etwas dazu und in jeder Welle tauchte ich ganz automatisch und natürlich in die Hypnose ein, die ich durchgehend über Kopfhörer weiterhörte. Etwa gegen halb sieben abends wurden die Wellen intensiver und ich wollte nicht mehr liegen, sondern wechselte von nun an öfter Position und Räume (Toilette, Schlafzimmer und Wohnzimmer).

Mein Mann füllte auf meinen Wunsch hin nochmal warmes Wasser in den Pool und nachdem meine Hebamme erneut den Muttermund getastet hatte (7-8 cm, ich war sehr glücklich damit) tauchte ich ins Wasser. Meine Hebamme schien zu merken, dass ich es jetzt gerne ruhiger hätte und so stellten sie und mein Mann die Gespräche ein bzw. sprachen nur noch das nötigste.

Um mich anzusprechen, berührte sie mich immer nur ganz leicht am Arm und wartete, bis ich ein Ohr freimachte oder sie anschaute, um z.B. Herztöne zu checken. Ich hab mich so geborgen und ungestört gefühlt, dass ich nur am Rande registrierte, als dann gegen halb neun die zweite Hebamme mit im Raum war. Sie hatte ich vorher auch schon kennen gelernt und freute mich total, als sie mir lächelnd und halb hinter einer Blume versteckt von der Couch aus zuwinkte.

Gegen neun etwa merkte ich leichten Schubdrang und meine Hebamme ermutigte mich, selbst nach dem Muttermund und Köpfchen zu tasten. Das Köpfchen spürte ich, aber ich verstand überhaupt nicht, was der Muttermund machte. Ich bat sie, zu tasten und freute mich, als es hieß, vollständig geöffnet.

Nachdem ich mich mit meinem Mann gemeinsam gefreut hatte, dass die Geburt bis dahin so friedlich verlaufen war, ich die gefürchtete Übergangsphase ohne es zu merken, scheinbar geschafft hatte und ich dank der Hypnose die Wellen so gut im Griff hatte, war das Warten wieder sehr präsent.

Ich bat in einer Pause meinen Mann, die Hypnose auf Austrittsphase umzustellen. Dann wartete ich weiter in den mir ewig vorkommenden Pausen auf das erlösende Gefühl des Köpfchens, das ins bzw. durchs Becken rutscht und das mir von der Geburt meines Sohnes noch so präsent war. Es kam nicht.

In den Pausen fühlte ich mich getragen durch Kristins Worte „Pause ist Pause“ und ich glaube, da konnte ich wirklich nochmal Kraft tanken für alles was noch kommen würde. Die Hebammen sahen während den Wellen inzwischen etwas aus meiner Vulva kommen und meinten, es könnte der Kopf sein, doch ich fühlte, dass dieser noch nicht so tief sein konnte.

Es war die Vorblase, die noch nicht aufgegangen war. Da sich längere Zeit nichts in Richtung Kopf rutscht tiefer tat, ich jedoch immer stärker mit den Wellen arbeiten musste und mir nach so vielen Stunden langsam die Kraft und ehrlicherweise auch die Geduld ausging, schlug meine Hebamme vor, dass ich versuchen könnte, selbst die Fruchtblase zu öffnen.

Während der nächsten Welle kratzte ich etwas daran und es löste sich auch tatsächlich etwas Eihaut. Die Fruchtblase war jedoch noch immer intakt. Ich spürte während den nächsten Wellen, dass ich Urin und Stuhlgang zurückhalte, was natürlich nicht dazu beiträgt, das Kind rauszuschieben. In den mit Taschenlampe hell erleuchteten Pool wollte ich jedoch nicht machen, obwohl mein Mann schon den kleinen Kescher bereit hielt.

Ich entschied dann, aus dem Pool raus und auf die Toilette zu gehen und meine Hebamme fand die Idee gut, da sie meinte, dass die Fruchtblase evtl. mit etwas Druck aufgehen könnte. Auf der Toilette kamen dann zwei heftige Wellen, während denen mich mein Mann und meine Hebamme gut stützten. Stuhlgang und Fruchtwasser kamen jedoch nicht.

Meine Hebamme schlug nun vor, die Fruchtblase zu eröffnen und ich war absolut einverstanden. Wir deckten dazu provisorisch einen kleinen Teil der Couch ab und ich legte mich dort auf den Rücken. Während der nächsten Welle kratzte meine Hebamme nur ganz leicht an der Fruchtblase und sie ging sofort auf.

Schlagartig änderte sich meine Empfindung von „es ist intensiv und ja, schmerzhaft, aber ich kann gut mitgehen“ zu „oh mein Gott es überrollt mich, ich bin absolut nicht mehr Herrin meiner Sinne“. Im Nachhinein betrachtet hätte ich hier vielleicht nochmal ein oder zwei Wellen zur Vorbereitung gebraucht, um ganz bewusst in Hypnose zu gehen und mich auf die Veränderung der Empfindung durch den kleinen Eingriff von außen einzustellen.

Nun kam nämlich noch dazu, dass meine Hebamme sah, dass vom Muttermund doch noch eine Lippe der vollständigen Öffnung entgegenstand und sie fragte, ob es ok für mich sei, wenn sie diese in der nächsten Welle reponieren würde. Ich wollte es und blieb eine weitere Welle in dieser Position. Es tat ziemlich weh, ich schrie und weinte jetzt und hatte auch etwas Angst, weil ich mich nun doch wieder in diesem Gefühl der Ohnmacht befand, das ich doch eigentlich nie wieder spüren wollte.

Zum Glück konnte ich das irgendwie mitteilen und auch, dass ich unbedingt in eine andere Position möchte. Von da an ging es wortwörtlich „aufwärts“. Für die nächsten Wellen begab ich mich in eine seitlich liegende Position und durfte mich an meiner Hebamme abstützen, dann in den Vierfüßler, wo ich meinen Mann dazu anwies, mir in der nächsten Welle so stark er könne gegen das Kreuzbein zu drücken. Da fühlte ich nämlich einen eiskalten flächigen Schmerz in jeder Welle und sein Drücken tat so gut!

Meine Hebamme redete mir gut zu, sagte mir dass ich versuchen sollte, nach unten zu schieben und es dauerte ein paar Wellen bis ich Begriff, dass ich dabei die Luft anhalten sollte. Es gelang mir, während einer Welle ganz fokussiert mit zu pressen, doch bereits die nächste Welle riss mich gefühlt wieder um.

Ich flehte meine Hebamme um eine Pause an und sie reagierte so toll und sagte ok, dann machst du eine Pause und atmest in der nächsten Welle nur. Da kam ich glaube ich nochmal in die Hypnose, warf aber gleichzeitig meine Kopfhörer von mir, weil ich die Anweisungen und Worte meiner Hebamme gut verstehen wollte. In der nächsten Welle versuchte ich also, nur zu atmen, merkte aber die Wucht, mit der mein Körper mein Baby nun doch nach unten schieben wollte.

Ich stand reflexartig auf, hielt mich zunächst noch an der Lehne eines Stuhles, die ich zufällig greifen konnte, fest, um dann eine Welle später nur auf meine Oberschenkel gestützt mit der Welle zu atmen. Es fühlte sich intensiv und wirklich schmerzhaft, aber gleichzeitig gut an, weil ich wusste, dass mein Kind nun endlich bald da sein würde. Nun war ich laut, aber nicht mehr weinend, sondern in meiner Kraft.

Im Augenwinkel sah ich unseren Kater, wie er völlig gechillt auf einem Stuhl flätzte und das Geschehen verfolgte. Irgendwie fand ich das absurd, aber das Bild hat sich mir eingeprägt. Ich entriss in einer nun sehr kurzen Pause der zweiten Hebamme meine Wasser flasche, stürzte sie hinunter - noch nie in meinem Leben hatte ich so aus jeder Pore meines Körpers geschwitzt.

Während den Wellen rief ich meinem Mann immer nur „drück so fest du kannst“ zu und er übte diesen tollen Druck auf mein Kreuzbein aus. Ich hätte schwören können, mein Kind so heldinnenhaft im Stehen geboren zu haben, doch tatsächlich ging ich irgendwann in den Vierfüßler vor dem Sofa, weil mein Mann dort besser auf mein Kreuzbein drücken konnte und die Hebammen den weißen Teppich - welcher nicht als Geburtsort geplant war - abgedeckt hatten.

Irgendwann in dieser Phase hatte ich dann auch Stuhlgang, ich merkte, wie meine Hebamme mich mehrfach abwischte und etwas in die Mülltüte warf. Im Schummerlicht der Sofaecke war mir das jedoch anders als zuvor im Pool völlig egal. Ich war mit Schieben und Pressen beschäftigt und damit, in das nun dazugekommene heftige Brennen hineinzuatmen.

Es dauerte dann immer noch einige Wellen bis in mehreren Anläufen zunächst der Kopf und dann der Körper ganz geboren waren. Zu diesem Zeitpunkt war ich wieder wie im Tunnel, tönte laut, rief „komm“ und „ja“ bis endlich das ganze Kind geboren war.

Mein Mann sagte dann noch: „sie ist draußen“ - was ich im Nachhinein echt witzig finde, weil ich es ja mit jeder Faser gespürt habe. Den Austritt und die unendliche Erleichterung, dass es geschafft war. Schlagartig war ich „da“, voller Freude und noch schnaufend von der Anstrengung. Dass die Hebamme hinter mir mein blau angelaufenes Mädchen massierte, weil die Nabelschnur um ihren Kopf gewickelt auf ihren Vagusnerv gedrückt hatte und sie deshalb kurz bewusstlos war, nahm ich nur wie im Film wahr.

Ich spürte, alles ist gut und durfte kurz darauf auch mein kleines meckerndes Wunder in die Arme schließen. So lange die Geburt auch gedauert hatte, es war letztendlich völlig irrelevant! Nun war unsere Tochter geboren und keine Minute später auch die Plazenta, womit ich meiner erfahrenen Hebamme dann doch noch einen überraschenden Blitzgeburt-Moment bescheren konnte.

Die gewünschte und visualisierte schnelle, schmerzfreie Geburt ohne Phase der Ohnmacht habe ich nicht bekommen. Dafür genau die Geburt, die ich gebraucht habe, um selbstermächtigt und stark daraus hervorzugehen. Ich habe durch meine Tochter, die kleine Zen-Meisterin, gelernt, dass Zeit relativ ist, ich von meinem Geburtsteam getragen wurde und mich aus der vorübergehenden Ohnmacht selbst befreien konnte.

Wenn ich an die Geburt zurückdenke, schicke ich jedes Mal ein glückserfülltes „Danke“ ins Universum!

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Journalistin
Nora Imlau22.09.2019
Hebamme
Nina