Erfahrungsbericht
von W.

Spontangeburt 39+1 – ungeplante Hausgeburt

Ich hatte keine superleichte Schwangerschaft – sie war geprägt von starkem Magenbrennen (ab dem 2. Trimester nahm ich regelmässig Pantoprazol), Erschöpfung (Eisenmangelanämie) und einem erheblichen Leistungsdruck durch meinen Arbeitgeber. Trotzdem versuchte ich, möglichst aktiv zu bleiben – wir gingen wandern, ich bewältigte acht Klettersteige und wir machten Ferien mit dem Campervan in Island.

Ich habe sehr gerne Geburtsberichte gelesen und begann ab dem 3. Trimester mit regelmässigen Hypnosen. Auch diese machte ich jedoch ganz intuitiv – nach Lust und Laune, nicht nach einem strengen Regime. Ich entschied mich für ein Geburtshaus auf dem Areal eines grossen Krankenhauses mit Neonatologie. Die familiäre Atmosphäre, die liebevollen Hebammen und die Familienzimmer machten mir die Wahl einfach.

Ab der 33. Woche trank ich regelmässig Schwangerschaftstee. In dieser Zeit kam es auch zu einem Vorfall: Mein Chef äusserte schockierende, diskriminierende Bemerkungen bezüglich meines Ausfalls durch Schwangerschaft, Mutterschaftsurlaub und die Stillpausen.

Bei der Kontrolle in der 35. Woche stellte meine Hebamme fest, dass mein Muttermund bereits reif war, leicht geöffnet und das Baby schon tief im Becken lag. Sie schrieb mich krank – mit dem Verdacht, dass der Stress durch die Arbeit eine verfrühte Geburt auslösen könnte. Ich genoss die letzte Zeit zuhause, war aber gleichzeitig gestresst und auf der Suche nach einer neuen Stelle oder einem Quereinstieg in ein anderes Berufsfeld.

In der 38. SSW liess ich mich von einer Fachstelle zur Arbeitssituation beraten und ging zur Studienberatung. Zuhause schlief ich viel, wir gingen ein letztes Mal in den Zoo, ich spazierte täglich, spielte Stardew Valley und schaute mir nochmals meine Lieblingsserie an. Mein Partner massierte mir jeden Abend den Bauch ein und sprach mit dem Baby.

Am Abend von 39+0 ging es los – ich hatte mensartige Bauchkrämpfe, die sich zeitlich aber noch nicht klar abgrenzen liessen, und bekam eine Zeichnungsblutung. Ich informierte meine Hebamme. Da es meine erste Geburt war, meinte sie, ich solle so lange wie möglich zuhause entspannen. Bei Erstgebärenden könne es schließlich lange dauern. Wenn ich das Gefühl hätte, dass die Schmerzen stärker würden, sollte ich sie anrufen, damit sie mich zuhause untersuchen kann.

Das nahm ich mir zu Herzen und nahm mir vor, erst am Morgen anzurufen. Ich schaute noch etwas meine Serie, meine Mutter holte unseren Hund ab, und um 23:30 Uhr ging ich schlafen.

Um 01:30 wachte ich mit deutlich spürbaren Wellen auf. Ich ließ mir ein Bad ein und versuchte, die Wehen mit der erlernten Atemtechnik zu veratmen. Ich musste zweimal erbrechen. Auch hatte ich durchgehend weichen Stuhl – anfangs konnte ich mir den Hintern noch selbst abwischen, später übernahm mein Partner diese Aufgabe – ein neues Level an Intimität für uns beide!

Anfangs wollte ich einfach nur in Ruhe gelassen werden. Mein Partner dokumentierte alles mit seinem Handy und machte sich Sorgen, auch wenn er äußerlich ruhig und unterstützend blieb. Ich ging zurück ins Bett, dämmerte das Licht und hörte die Hypnose zur Eröffnungsphase. Die Wellen wurden immer stärker. Teilweise wusste ich nicht, wohin mit meinem Körper, und lief zwischen Schlafzimmer und Badezimmer hin und her, wo ich mich immer wieder auf die Toilette setzte.

Um 05:30 Uhr rief ich zum ersten Mal die Hebamme an. Ich konnte nicht mehr. Ich dachte: „Das sind ja erst ein paar Stunden! Ich halte das nicht durch, wenn es doppelt so lange geht.“ Die Hebamme meinte, ich klinge noch relativ ruhig und solle in einer Stunde nochmals Bescheid geben. Das gab mir neuen Mut – ich fühlte mich bestärkt, dass ich auf dem richtigen Weg war. Rückblickend war das wohl schon die Übergangsphase.

Ich kniete neben dem Bett und hielt in meiner Hand meinen Geburtskamm. Die Hypnose half mir enorm. Bald verspürte ich erste Presswellen. Ich liess mich einfach treiben und gab mich dieser Naturgewalt hin. Zuerst konnte ich gar nicht glauben, dass es schon Presswellen waren. Dann sagte ich zu meinem Partner: „Du, ich glaube, das Baby kommt bald.“ Er schaute tapfer nach und sah die Fruchtblase vorstehen – er rief die Hebamme an und sagte ihr, sie solle unbedingt sofort kommen.

Sie machte sich auf den Weg. Ich traute mich nicht, die Hypnose zur Austreibungsphase anzumachen, da die Hebamme noch nicht da war. Während der Wellen rief ich immer wieder nach meinem Partner und wollte seine Hand halten – das half mir in diesen Momenten sehr. Er wurde sichtlich nervös und schaute mehrmals aus dem Fenster, ob die Hebamme schon komme.

Um 07:16 Uhr traf sie endlich ein. Sie untersuchte mich und meinte, wir könnten es noch mit der 20-minütigen Autofahrt ins Geburtshaus versuchen. Doch schon bei der Garderobe merkte ich: Es geht nicht mehr. Die Wellen kamen zu schnell hintereinander. Wir gingen zurück ins Schlafzimmer. Die Hebamme untersuchte mich erneut und meinte: „Nach der nächsten Welle ist das Baby da.“ Und so war es. Mein Partner legte noch schnell ein paar Handtücher und Babykleider in den Ofen, bevor ich ihn wieder zu mir rief, um seine Hand zu halten.

Unsere Tochter wurde mit einer Welle geboren und schrie sofort lauthals los. Mein Partner und ich schauten uns erstaunt an, und er jubelte: „Du hast es geschafft, sie ist da!“ Ab diesem Moment waren alle Schmerzen wie verflogen – ich fühlte nur noch pures Glück. Die Kleine war erstaunlich sauber, nur die Füsschen waren blutig. Wir kuschelten in unserem Bett und ich konnte sie das erste Mal stillen. Unser Kater kam auch vorbeischauen.

Später konnte ich duschen und wir machten uns auf den Weg ins Geburtshaus, wo ich genäht wurde und das Wochenbett verbrachte. Ich wurde genäht.

Ich hatte solche Angst vor dem ersten Toilettengang – und war dann total erstaunt, dass es überhaupt nicht weh tat! Mein Partner und ich sprachen die Geburt nochmals gemeinsam durch – das tat uns beiden sehr gut. Wir hatten ganz, ganz viel Glück.

Rückblickend glich die Geburt für mich einer heftigen Magen-Darm-Grippe, wobei sich die Presswellen wie ein gegen unten gerichtetes Erbrechen anfühlten. Die Geburtsberichte und die Hypnose gaben mir unglaublich viel Zuversicht!

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Journalistin
Nora Imlau22.09.2019
Hebamme
Nina